Ein Nachtrag über das Nachtreten

Einen Offenen Brief schrieb Jörg Urban, der Landesvorsitzende der AfD, an den ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Die „Sächsische Zeitung“ druckte ihn Anfang dieser Woche ab, „leicht gekürzt“, wie es...

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Einen Offenen Brief schrieb Jörg Urban, der Landesvorsitzende der AfD, an den ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Die „Sächsische Zeitung“ druckte ihn Anfang dieser Woche ab, „leicht gekürzt“, wie es dazu im Vorspann heißt. Leicht gekürzt? Na wenn das die Leser nicht erst so richtig neugierig macht.

Zur Erinnerung sei hier die Vorgeschichte kurz skizziert: Die Dresdener AfD hatte die Chefredakteure von ARD und ZDF zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen. Diskutiert werden solle über die Rolle der Medien allgemein und die der beiden großen Rundfunkanstalten insbesondere. Dass sowohl Kai Gniffke wie auch Peter Frey zusagten, hat so manche Zeitgenossen leicht verstört. Vor allem jene, die sich bockig weigern, „mit Rechten reden“ zu wollen. Die Veranstaltung fand trotzdem statt. Die „SZ“ berichtete bereits tags darauf ausführlich darüber. Ob die saloppe Überschrift „Wir haben uns nicht gekloppt“ dem Thema angemessen war, sei dahingestellt. Ansonsten war das eine ausgewogene Sache.

Nur Dr. Peter Frey vom ZDF muss das anders gesehen haben. Sie wissen schon: „Mit dem zweiten Auge …“ und so weiter. Einige Tage später verfasste er einen Gastbeitrag für ZEIT-Online, der bereits in der Überschrift an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ: „Hämisch, empfindlich und hungrig nach Anerkennung“. Das zielte auf die Besucher der Dresdner Veranstaltung. Und war so etwas wie ein verbales Nachtreten.

Die „Sächsische Zeitung“ übernahm den Frey-Text kurz darauf in ihre gedruckte Ausgabe. Während sie diesem Beitrag eine halbe Seite einräumte, wurde der darauf Bezug nehmende Offene Brief von Jörg Urban – wie eingangs erwähnt – „leicht gekürzt“ abgedruckt („Zaghaft begonnener Dialog“, 5. November). Am fehlenden Platz dürfte es aber kaum gelegen haben. So sehr lang ist der nicht. Doch Lücken sind dazu da, gefüllt zu werden. Im Folgenden finden Sie den kompletten Urban-Artikel, wie ihn die Blaue Landespost, das ist der Online-Auftritt der AfD Sachsen, veröffentlichte. Die von der „SZ“ vorgenommenen Kürzungen sind durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem sind Anmerkungen der „SZ“, mit denen einige der Aussagen von Jörg Urban relativiert werden, kursiv gedruckt:

 

Sehr geehrter Dr. Frey,

aufmerksam las ich Ihr Fazit anlässlich Ihres Auftrittes bei der AfD-Debatte „Medien und Meinung“ in Dresden und möchte mich als Fraktions- und Landesvorsitzender der sächsischen AfD an dieser Stelle noch einmal herzlich bei Ihnen und Kai Gniffke bedanken, dass Sie auf offener Bühne den Mut hatten, vor etwa 350 Dresdner Bürgern Ihre Meinungen zu vertreten. Etwas verwundert habe ich nun allerdings Ihre Nachbetrachtung in der Sächsischen Zeitung über diese Veranstaltung zur Kenntnis genommen. Sie schreiben, dass Sie sich bei dieser Veranstaltung ein bisschen wie der Bauer fühlten, der den Pflug ansetzt, aber feststellt, dass das Feld trocken und festgebacken sei, dass man zwar Staub aufwirbelt, aber nicht eindringen kann. Darüber hinaus bezeichnen Sie die Besucher als fest stehenden Block, bei dem kaum Aufnahmebereitschaft vorhanden war. Zudem beklagen Sie verbale und körperliche Angriffe gegenüber Journalisten durch AfD- und Pegida-Anhänger bei Demonstrationen.

Zu diesen Vorwürfen möchte ich öffentlich wie folgt Stellung nehmen: Natürlich hat sich bei einem Großteil der Bürger Skepsis gegenüber den öffentlich-rechtlichen Sendern wegen dauerhafter, tendenziöser Berichterstattung gegen die AfD manifestiert. Entweder wird versucht, führenden Protagonisten unserer Bewegung einen latenten Hang zum Rechtsradikalismus zu unterstellen oder sie werden schlicht bei Gesprächsrunden nicht berücksichtigt. Nach der Hessen-Wahl am Sonntag war in der ARD kein Politiker der AfD bei ‚Anne Will‘ eingeladen. (Auch nicht von der Linkspartei, Anm. d. SZ-Red.) Bei ‚hart aber fair‘ am Montag ebenso. (Da waren auch FDP und Linkspartei nicht zu Gast, Anm. d. SZ-Red.) Das sind beides ARD-Sendungen und stehen exemplarisch für den öffentlich-rechtlichen Funk. Kein Wunder also, dass ein Großteil des Publikums Ihre Argumentation nicht nachvollziehen konnte, dass alle Parteien publizistisch gleichwertig behandelt werden – auch wenn Sie auf die Anzahl der Beiträge in den Nachrichten verwiesen haben. Die so genannten Talkshows werden von einem Millionen-Publikum konsumiert und die AfD wird regelrecht davon ferngehalten.

Gibt es nicht ideologische Blöcke in den Redaktionen, die sich gegen Argumente der AfD abschotten? Gegen Argumente, wie sich unser Land durch die verantwortungslose Politik der Altparteien durch importierte Serienvergewaltigungen, Raub, Mord, Messerstechereien verändert? Apropos Gewalt oder verbale Attacken gegen Journalisten. Wenn es diese (statt „diese“ verwendete die SZ „Gewalt gegen Journalisten“ als Anschlussformulierung, um die Streichung des vorherigen Passus zu kaschieren) gibt, dann ist sie inakzeptabel. Andererseits ist es auch nicht hinnehmbar, dass Journalisten Bürger, die nicht gefilmt werden möchten, regelrecht mit Kameras bedrängen, um die passenden Bilder ‚aggressiver Bürger‘ zeigen zu können. Ich darf an dieser Stelle an das Verfahren gegen einen ARD-Journalisten erinnern, der einer Pegida-Demonstrantin mit einem Ellenbogenstoß eine Rippe gebrochen hatte (SZ änderte in: haben soll) und Schmerzensgeld in vierstelliger Höhe zahlen musste. (Es gab in dieser Sache kein Urteil, das Verfahren wurde gegen Zahlung von 1000 Euro Schmerzensgeld eingestellt, Anm. d. Red.) Die von Ihnen zugeschriebene Täter-Opfer-Rolle ist also schlichtweg falsch. 

Sehr geehrter Dr. Frey,

Ich betone noch einmal, dass es mutig von Ihnen und Herrn Gniffke war, nach Dresden zu kommen, um zu diskutieren. Ihr Epilog zu dieser Veranstaltung verwundert mich allerdings. Es verwundert mich, dass Sie den AfD-Anhängern faktisch bescheinigen, in einer Blase zu leben und unerreichbar für Ihre Argumente geworden zu sein scheinen. Kann es aber sein, dass Sie und Ihre Kollegen in einem ideologischen Elfenbeinturm verweilen? Gehen Sie mit Ihrer Frau nachts in Innenstädten spazieren? Kennen Sie die wachsenden Drogenszenen an und in beinahe jedem deutschen Hauptbahnhof? Findet die zunehmende Islamisierung in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft statt? Ich glaube Nein. Darum empfehle ich Ihnen als Chefredakteur dringend, den Dialog mit den ‚normalen‘ Bürgern auch weiterhin zu suchen – im Interesse einer ausgewogenen, realistischen Berichterstattung.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie persönlich alles Gute und würde mich freuen, wenn unser zaghaft begonnener Dialog fortgeführt werden könnte.

Mit herzlichen Grüßen

Jörg Urban

 

Nun soll hier den Lesern des „Bautzener Boten“ nicht das Nachdenken abgenommen werden. Das versuchen schon andere. Deshalb sei hier nur auf ein Beispiel verwiesen, an dem deutlich wird, wie die „SZ“ durch ihre Anmerkungen im Brieftext versucht, angesprochene Sachverhalte zu relativieren:

Bei den Landtagswahlen in Hessen erreichte die AfD 13,1 Prozent und zog als viertstärkste Partei und erstmals überhaupt in diesen Landtag ein. Zu wenig für die Sendung von Anne Will? Die FDP mit ihren 7,5 Prozent gehörte jedenfalls zur Runde. Mit 6,3 Prozent erreichte Die Linke nicht viel weniger Stimmen als die Liberalen. Doch sie blieb bei diesem TV-Talk ebenfalls außen vor. Soll es die AfD nun trösten, dass sie nicht allein ins öffentlich-rechtliche Abseits abgeschoben wurde?

Es ließe sich auch zu den anderen, in den Offenen Brief von Jörg Urban eingefügten redaktionellen Anmerkungen einiges sagen, zu den gestrichenen Passagen sowieso. Aber das hier ist keine Lektion zum betreuten Zeitungslesen, sondern schlicht und einfach (m)ein Meinungsbeitrag. Ein jeder mache sich seinen eigenen Reim darauf, wie in diesem konkreten Fall von der „SZ“ mit einem Offenen Brief umgegangen wird. Es steht zu befürchten, dass er irgendwann mal als Beispiel dafür dienen wird, was man unter „Lückenpresse“ zu verstehen hat.

Hans-Georg Prause

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