Ich blogge, also bin ich

Also wenn es diesen privaten Blog, eine Art öffentliches Internet-Tagebuch, nicht geben würde, wüssten wir gar nicht, was wirklich in Bautzen so alles los ist. Zu den Vorfällen...

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Also wenn es diesen privaten Blog, eine Art öffentliches Internet-Tagebuch, nicht geben würde, wüssten wir gar nicht, was wirklich in Bautzen so alles los ist. Zu den Vorfällen in der Nacht vom 27. zum 28. Juli in der Innenstadt gibt es einen detaillierter Polizeireport und die Zeitung hat darüber berichtet? Ach was, hier geht es um verschiedene Sichtweisen. „Man kann aber auch Menschen fragen, die an dem Abend – zumindest zeitweise – dabei waren“, heißt es dazu. Der Blog-Schreiberin steht nämlich eine Augenzeugin bereitwillig Rede und Antwort.
Eigentlich schildert diese aber nur eine kurze Szene des Polizeieinsatzes. Wohl rein zufällig ist es jene Situation, von der es bald darauf ein Video im Internet gibt. Da sie, also die Augenzeugin, nach eigenen Angaben erst gegen 23.35 Uhr vor Ort ist, kann sie natürlich nicht wissen, was vorher passiert ist. (Am 4. August wird dann in der Lokalzeitung stehen, dass es massive Provokationen von Seiten der jungen Migranten gegeben hat.) Die Auseinandersetzungen begannen bereits gegen 22.30 Uhr. Und sie dauerten noch bis 1.30 Uhr an. Es sind also letztlich recht selektive Wahrnehmungen, die das Blog-Interview vermitteln. Das dürfte allen daran Beteiligten klar gewesen sein. Doch wer wird sich von solch kleinlichen Bedenken die Freude über diesen großen Coup trüben lassen. Tatsächlich schaffte es die Blog-Autorin mit der durch sie vermittelten Sicht der Dinge in die lokale Zeitung und das regionale Fernsehen. Sie dürfte damit ihren Eifer belohnt sehen. Lebte der Philosoph René Descartes in unseren Tagen, würde es wohl heißen: Ich blogge, also bin ich.
Was war eigentlich geschehen? In der Bautzener Innenstadt waren mal wieder Deutsche und Migranten aneinander geraten. (Der „Bautzener Bote“ hatte aktuell berichtet. Es war wohl reichlich Alkohol im Spiel. Die Polizei vor Ort hatte alle Hände voll zu tun. Später musste sogar Verstärkung heran. Viele Schaulustige trugen nicht gerade zur Beruhigung der Lage bei. Am Tag darauf lag ein Einsatzbericht der Polizei vor. Die lokale „Sächsische Zeitung“ berichtete in einem redaktionellen Beitrag über die nächtlichen Vorkommnisse. Schon da kursierten allerdings in den sozialen Netzwerken die verschiedensten Anschuldigungen gegen die Polizei. Es wurden auch Videos ins Netz gestellt. Diese Handy-Filmerei kann man ruhig als eine Unsitte ansehen, doch in dem Fall waren einige Szenen hilfreich. So wurde ein flüchtender Libyer nicht von acht Polizisten verfolgt, wie es die im Blog zu Wort kommende Augenzeugin gesehen haben will, sondern von zwei Beamten gestellt, am Boden liegend gefesselt und dann weggeführt. Aber gut, in der verständlichen Aufregung kann man sich als engagierter Betrachter schon mal irren. Wie sich auch Polizisten mal im Ton vergreifen können, wenn sie im Einsatz unter Stress stehen. Wer dafür etwas Verständnis aufbringt, wird das eine nicht Lüge und das andere nicht rassistische Beleidigung nennen.
Die „Sächsische Zeitung“ griff einige Tage darauf das ganze Geschehen erneut auf. Dieser nun von einem Autor gezeichnete Artikel folgte in wesentlichen Punkten dem, was in dem hier eingangs erwähnten Blog stand und steht. Nun kann im Internet jede(r) schreiben, was er will. Es ungeprüft in einen Zeitungsbeitrag zu übernehmen, ist eher nicht die hohe journalistische Schule. Stattdessen gibt der Anreißer auf der Seite 1 der „SZ“ die etwas geänderte Richtung der Berichterstattung vor: „Ermittlungen gegen Polizisten“. Der Artikel im Lokalteil war dagegen betont neutral mit „Einsatz mit Folgen“  überschrieben. Schon in der Unterzeile wird darauf verwiesen, dass die Polizeidirektion das Verhalten der Beamten untersucht. Deren Sprecher wird dann im Text mit der Aussage zitiert, dass trotz der im Blog-Beitrag geäußerten Vorwürfe bislang gar keine Anzeigen oder Beschwerden gegen die Polizei vorliegen.
Das dürfte den aufmerksamen Leser ein wenig überraschen. Nach ihrer eigenen Aussage war die hier bereits mehrmals erwähnte Augenzeugin aus dem Blog in jener Nacht von einem Polizisten mit sexistischen Worten wie „Fick dich!“ böse beschimpft worden. Und das hat sie nicht offiziell zur Anzeige gebracht? Zeit genug war dafür. Die Betreiberin des Blogs wurde jedenfalls laut „SZ“ von der Polizei befragt. Aber auch danach: Keine Anzeigen, nicht mal Beschwerden.
Ist das alles etwa wieder nur so eine Social Media-Blase? Wie jene vom 1. Mai, als Nazis angeblich die Stadt Bautzen terrorisierten und „Jagd auf Antifaschist*innen“ gemacht haben? Oder wenige Tage darauf, als es in Bautzen einen rassistischen Übergriff auf eine Gruppe junger Akteure des Berliner Gorki-Theaters gegeben haben soll? Letztlich war das tatsächlich nur „viel Lärm um nichts“. Auch damals gab es Vorwürfe und Anschuldigungen, aber keine Anzeigen. Der „Blase“ ging schnell die Luft aus. Wenn wundert es, dass die überregionalen Zeitungen – glücklicherweise – nicht mehr rein reflexartig auf die Stichworte „Bautzen“ und „Kornmarkt“ (oder vorher „Husarenhof“) reagieren. Bis dato wurde aus den Vorfällen der Nacht vom 27. zum 28. Juli jedenfalls kein medialer Aufschrei. (Kann natürlich sein, es ist noch Urlaub und das Thema liegt bei „Tagesspiegel“ und „Zeit“ einfach brach.) Selbst der „Focus“ besann sich auf sein Motto „Fakten, Fakten, Fakten“ und druckte nur die allgemeine dpa-Meldung ab.
In der Polizeidirektion Görlitz wird trotzdem intern ermittelt. Obwohl alle Anschuldigungen auf nur einer Quelle, auf dem bewussten Blog beruhen. Irgendwie wurde die Polizei damit zum Spielverderber. Die bekannte Forderung linker und grüner Politiker nach „rückhaltloser Aufklärung“ ging ins Leere. Da kam die TV-Sendung „Exakt“ des MDR gerade recht, um sich möglichst telegen betroffen zu zeigen. Ach ja, auch die fleißige Bloggerin aus Bautzen hatte in der Sendung auch ihren Auftritt. Es reichte allerdings noch nicht für Andy Warhols sprichwörtliche 15 Minuten Ruhm.
Schauen Sie sich diese „Exakt“-Inszenierung ruhig mal an: Schon der optischen Einstieg – ein Schwenk über den Kornmarkt im Zwielicht – machte allen klar: Leute, das ist Dunkelland. Eine markante Stimme aus dem Off bereitet den Zuschauer auf das vor, was da kommt: Tonaufnahmen werden eingespielt. Ja, so muss sich investigativer Journalismus anfühlen. Wer den Dialekt der abgehörten Polizisten nicht versteht, kann die Übersetzung im Schriftbild lesen. Die bohrende Frage: Wurde der bei den nächtlichen Krawallen festgenommene Libyer während der Fahrt im Polizei-Fahrzeug bedroht? Nun, darüber kann sich ein jeder seine eigene Meinung bilden. Die Sendung dürfte noch in der MDR-Mediathek abrufbar sein. Um Gerüchten vorzubeugen: Die Polizisten haben ihren unfreiwilligen Gast nicht in irgendeine dunkle Zelle gebracht, sondern sogar heim in seine Unterkunft gefahren. Die Polizei – vielleicht nicht immer dein Freund, aber selbst in so einem Falle ein Helfer.
Kleiner Nachtrag: Künftig wird es jener junge Mann etwas weiter bis in die Bautzener Innenstadt haben. Als polizeilich bekannter Mehrfachtäter wurde er in eine andere Einrichtung des Landkreises verlegt. Den Leuten dort sei mit den Worten unserer Bloggerin gesagt: „Passt auf euch auf!“ Zumindest Vize-Landrat Udo Witschas hofft so, die Lage entschärfen zu können. Es bestehe eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Mit diesen deutlichen Aussagen, abgedruckt in der lokalen „SZ“ vom 3. August, könnte er sich bald in einem gewissen Blog wiederfinden. Eine freundliche Erwähnung wird das bestimmt nicht sein.
Hans-Georg Prause

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