Überleben ist alles

Wer auf Deutschland im 20. Jahrhundert zurückblickt und Bilanz ziehen wollte, für den wären Krieg, Diktatur und Wiedervereinigung die zentralen Ereignisse. Gerade für einen Soldaten galt „Überleben ist...

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Wer auf Deutschland im 20. Jahrhundert zurückblickt und Bilanz ziehen wollte, für den wären Krieg, Diktatur und Wiedervereinigung die zentralen Ereignisse. Gerade für einen Soldaten galt „Überleben ist alles“ als die zentrale Maxime und Lebenserfahrung. Immer wieder ist von ehemaligen Soldaten zu hören, dass ihre Kriegserfahrung alles andere in den Schatten stellte. Die gleichnamige, 1987 vorgelegte Autobiographie des Bundestagsabgeordneten und Bestsellerautoren Herbert Gruhl, der am 22. Oktober 1921 in Gnaschwitz (Doberschau-Gaußig) geboren wurde und auf einem Bauernhof aufwuchs, bringt das zum Ausdruck. Fast vier Jahre war Gruhl in einer Fernmeldeeinheit im Krieg.  Aber auch mit dem Kriegsende, das Gruhl im Januar 1945 nach einem letzten Einsatz an der Westfront in amerikanischer Gefangenschaft erlebte, aus der er im Sommer 1946 floh, nahm das totalitäre Zeitalter seinen weiteren Lauf;  jeder musste sich darin positionieren und seinen Weg suchen. Das war letztlich auch eine Charakterfrage.

Der Charakter Gruhls wird schon mit Blick auf seine Jugend deutlich. Dem nationalsozialistischen Jungvolk kehrte Gruhl 1934 den Rücken, das sinnlose Ausführen von Befehlen war ihm zuwider. Auf dem elterlichen Bauernhof tat sich Gruhl damit hervor, jede freie Minute am liebsten mit Lesen zu ver­bringen. Statt die Lebenserfüllung auf dem Felde zu suchen, dachte der Sohn einer gebürtigen Benad aus Göbeln (Großdubrau) viel lieber über Philosophie und Geschichte nach. Auch für die schöngeistige Literatur konnte sich Gruhl begeistern, vor allem Rainer Maria Rilke hatte es ihm angetan.

Nach dem Krieg zeichnete sich schnell ab, dass in der Oberlausitz die Geschichte mit einer Diktatur weitergehen würde. Das Gefängnis in Bautzen war überfüllt, für Gruhl Mahnung genug sich besser ruhig zu verhalten. Kompliziert wurde es dennoch. Nach der erfolgreichen Reifeprüfung an der Oberschule Bautzen Ende März 1947 wurde Gruhl zum Studium der Philosophie, Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin 1947 zugelassen. Die geistige Enge in der Blütezeit des Stalinismus wurde immer mehr zur Belastung für Lehrende und Studenten. Gruhl zog es an die Freie Universität Berlin, der offizielle Wechsel erfolgte 1949. Heikel war, dass die Verwandtschaft und die künftige Gemahlin Marianne Kießlich noch in der Oberlausitz lebten und die SED ein Ausweichen nach West-Berlin als Verrat am Sozialismus und an der DDR verfolgen würde.

Als Gruhl 1952 im blockierten Berlin festsaß, schöpfte die SED Verdacht, zumal seine 1951 geheiratete Frau öfters nach Berlin reiste. Die Kreisleitung der SED-Bautzen lud Frau Gruhl am 5. Juni 1953 vor; ihr wurde „parteischädigendes Verhalten“ und „persönlicher Kontakt mit den Feinden der DDR im Westen“ vorgeworfen.  Der damals bei einer Sprengstofffabrik arbeitende Vater von Frau Gruhl wurde bereits wegen des Wechsels Herbert Gruhls an die FU Berlin zu „Arbeit in einem Schwerpunktbetrieb“ gezwungen. Das wurde auch Frau Gruhl in Aussicht gestellt, die bis Mai 1951 als Lehrerin im Kreis Bautzen arbeitete und danach mit Handarbeiten Geld verdiente. Um der Forderung nach Kontaktabbruch und Ehescheidung Nachdruck zu verleihen, entzog die Gemeinde Gnaschwitz Frau Gruhl Essensmarken. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 gelangte Frau Gruhl nach West-Berlin, wo fortan das Ehepaar lebte und ein Jahr später ihr erster Sohn geboren wurde.

Ein Ökologe mit Sinn für die Wiedervereinigung Deutschlands

1953 hatte sich das Leben der Eheleute Gruhl vom Kreis Bautzen nach West-Berlin verlagert. 1954 trat Gruhl der CDU bei. Die Doktorwürde der Philosophie erhielt Gruhl 1957 mit einer Arbeit über Hugo von Hofmannsthal. 1956 wurde der zweite Sohn geboren. Als Vertreter für Büro­maschinen zog Gruhl mit seiner Familie 1958 nach Barsinghausen. Dort beginnen vom Norden her gesehen die Gebirgslandschaften, was Gruhl an die Oberlausitz erinnerte. Für die CDU wurde Gruhl in der Kommunalpolitik aktiv, er übernahm 1965 den Vorsitz im Landkreis Hannover. Zwei weitere Kinder wurden in dieser Zeit geboren. Eine Kandidatur zum Landtag von Niedersachsen blieb 1967 ohne Erfolg, aber im September 1969 gelang der Sprung in den 6. Deutschen Bundestag. Die erste Aufgabe lag bei einer Mitarbeit im Innenausschuss, der für den Umweltschutz mit zuständig war.

1970 wurde Gruhl Leiter der „Arbeitsgruppe für Umweltvorsorge“ der CDU/CSU-Fraktion und der gleichlautenden Arbeitsgruppe der Partei. Für die Umwelt vorzusorgen erforderte nach Gruhls Auffassung mehr als ein paar technische Maßnahmen. Die Wirtschaft wehrte damals Umweltauflagen ab, sie fürchtete Wettbewerbsnachteile. Gruhl war aber von der Notwendigkeit überzeugt, dass die Umweltvorsorge ein blinder Fleck in der Politik war und legte 1975 sein Buch „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“ vor. Helmut Kohl quittierte das mit Schweigen. Gruhl wurde wenig später Vorsitzender des neugegründeten Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Partei entzog Gruhl nach der Bundestagswahl im Herbst 1976 die ihm zugeteilten Aufgaben. Der BUND wählte Gruhl 1977 als Vorsitzenden ab. Die Gründung einer Umweltpartei war eine Frage der Zeit, die Gruhl 1978 mit der Grünen Aktion Zukunft (GAZ) aufgriff, deren Vorsitzender er wurde. Die Partei beteiligte sich an den Europawahlgrünen, sie erzielte mit 3,2 Prozent einen Achtungserfolg. Gruhl war mit Petra Kelly Spitzenkandidat. Es gab Wahlkampfkostenerstattungen. Die Partei wurde für erfolglose kommunistische Gruppen interessant, die bald die Mehrheit inne hatten. Die GAZ zog sich 1980 zurück, deren Rechtsnachfolgerin wurde 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), Vorsitzender Herbert Gruhl. Nach ersten Wahlkampfkostenerstattungen bei einer Landtagswahl 1988 mit 1,4 Prozent in Baden-Württemberg kam es auch hier zu Hitzigkeiten. Innerparteiliche Gegner stellten Gruhl eine Falle, sie beantragten eine Abgrenzung von Republikaner, DVU und NPD, die auch eine Absage an die Wiedervereinigung Deutschlands enthielt. Gruhl lehnte ab, die Wiedervereinigung des Landes war für ihn nicht verhandelbar und auch nicht eine Sache, die man dem rechten Rand überlassen sollte. Doch hingedreht wurde das so, als suche Gruhl eine Nähe zu diesen Parteien. Ein unwürdiges Spiel, aus dem sich Gruhl im Frühjahr 1989 als Parteivorsitzender verabschiedete, 1990 auch aus der Partei.

Mit der Wende von 1989/90 erklärte sich Gruhl bereit, Kurt Biedenkopf (CDU) in Sachsen zu unterstützen. Zu mehr als einem Vortrag in der Oberlausitz kam es aber nicht. Seiner Neigung, am liebsten zu lesen und zu philosophieren ging Gruhl zuletzt an seinem Wohnsitz in Bayern nach und legte sein Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“ 1992 vor.  Dabei hatte Gruhl das Große und Ganze im Blick, einzelne Erfolgsmeldungen reichten ihm nicht Optimismus zu verbreiten. Weltklimakonferenzen blieben Gruhl ein hoffnungsloses Unterfangen, da das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer und das Bevölkerungswachstum ihre eigene Dynamik entfalteten. Die Vielfalt der Völker und Sprachen war Gruhl zu erhalten wichtig, der Multikulturalismus damit unvereinbar, Massenzuwanderung auch ein ökologisches Problem.

Herbert Gruhl hatte eindringlich wie kaum ein anderer in Deutschland auf den blinden Fleck Ökologie aufmerksam gemacht. Er starb am 26. Juni vor 25 Jahren in Regensburg.

Volker Kempf

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