Lutz Jahoda: Dass die Ost-Stars im Westen keiner wollte, kann ich verstehen

Schon zu DDR-Zeiten war Lutz Jahoda ein TV-Urgestein. Die Fernsehzuschauer kannten den beliebten Entertainer aus Sendungen wie dem „Wunschbriefkasten“oder „Mit Lutz und Liebe“, von der großen Bühne des...

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Schon zu DDR-Zeiten war Lutz Jahoda ein TV-Urgestein. Die Fernsehzuschauer kannten den beliebten Entertainer aus Sendungen wie dem „Wunschbriefkasten“oder „Mit Lutz und Liebe“, von der großen Bühne des Berliner Friedrichstadtpalastes oder aus Schwänken wie „Drei reizende Schwestern“. Heute genießt der 84-Jährige sein Rentnerleben – wenn er nicht gerade Bücher schreibt oder mit seinen musikalischen Erinnerungen auf Tour geht. Der Bautzener Bote sprach mit ihm über alte Zeiten, die Wende und seine Versuche, als Geschäftsmann im Westen Fuß zu fassen.

Bild_Lutz_JahodaHerr Jahoda, Sie waren im März auf der Leipziger Buchmesse. Was der eine oder andere noch nicht weiß: Sie haben schon mehrere Romane geschrieben. Wie kam es dazu?

Eigentlich wollte ich Journalist werden. Somit war Schreiben schon immer meine zweite Berufsstrecke. Da lag es nahe, mich nach der Wende dem großen Format zu widmen. Ich war inzwischen zweiundsechzig, immer noch freischaffend und hatte aufgrund der veränderten Verhältnisse endlich Zeit, und so entstanden im Lauf von dreiundzwanzig Jahren die Bücher „Lutz im Glück und was sonst noch schief lief“, dann die Romantrilogie „Der Irrtum“, danach das heitere Buch „Fernsehkommissare haben ´s gut“ und zuletzt „Up&Down – Nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert“.

Haben Sie das Singen etwa aufgegeben oder stehen Sie auch heute noch, so, wie Sie Ihre Fans kannten, als Sänger und Entertainer auf der Bühne?

Es gibt noch ein musikalisches Programm mit mir, das auf Wunsch gebucht werden kann, und zwar über die folgende E-Mail-Adresse: lutzeja@t-online.de Titel dieser Präsentation: „Mit Lutz und Liebe – Eine literarisch-musikalische Erinnerungsreise mit Lutz Jahoda“.

Wie sieht denn eine Woche von Lutz Jahoda so aus?

Ausgewogen gemütlich. Wie sich das für einen Urgroßvater gehört. Was mich aber nicht davon abhält, als Korrespondent der „Deutschen Rundschau“ in Ontario, Kanada, monatlich ein bis zwei Beiträge zu schreiben.

Haben Sie noch Kontakt zu „alten“ Kollegen, mit denen Sie vor der Wende Jahrzehnte lang auf der Bühne standen?

Nicht nur mit Kollegen, die vor der Kamera standen. Auch mit jenen, die unsichtbar an der Gestaltung von Sendungen beteiligt waren. Befreundet bin ich aber auch mit Heidi Weigelt, mit Jürgen Walter, Ingo Graf, Alfons Wonneberg und Peter Wieland. Mit Herbert Köfer hatte ich eine zeitlang auf der Bühne zu tun. Ingeborg Krabbe sehe ich gelegentlich. Marianne Kiefer und Helga Göring mussten wir bereits zu Grabe tragen. Mit den auf  DVD im Handel verfügbaren Folgen der Erfolgsreihe  „Drei reizende Schwestern“ sind uns Marianne und Helga lebendig geblieben.

Autogrammkarte von Lutz Jahoda aus ganz frühen Tagen. Foto: Archiv
Autogrammkarte von Lutz Jahoda aus ganz frühen Tagen. Foto: Archiv

Wenn Sie heute zurückblicken: Ist Ihr berufliches Leben so verlaufen, wie Sie es sich in Jugendjahren erträumt hatten?

Mit diesem schriftstellerischen Abschluss literarisch erfolgreicher Bücher, aber auch mit der mir gewährten Mitarbeit an einer Zeitung in Kanada, die weltweit ihre Leser hat, darf ich dankbar von einem erfüllten Berufsleben sprechen. Es wäre ungerecht, nicht zufrieden zu sein.

Mit wieviel Jahren stand für Sie fest: Ich will auf die Bühne?

Eigentlich erst mit achtzehn, als mir in Wien Familie Elstner (gemeint sind die Angehörigen von „Wetten, dass …“- Erfinder Frank Elstner, Anm. d. Red.) eröffnete, nach Berlin gehen zu wollen und sich bereiterklärten, mich mitzunehmen und für meine Ausbildung zu sorgen. Dennoch bewarb ich mich in Berlin sicherheitshalber noch beim „Nachtexpress“ als Volontär. Als ein Theaterangebot schneller ins Haus flatterte als die Antwort der Zeitung, war die Entscheidung gefallen. Die Stelle beim „Nachtexpress“ erhielt übrigens Lothar Kusche, der in der DDR gern gelesene Autor humorvoller Bücher.

Man denkt manchmal, früher war es einfacher. Da gab es nicht so viel Konkurrenz wie heute. Da ging es bei der Kunst auch nicht in erster Linie ums Geld, so wie heute. Kann man das wirklich so sagen oder hatten Sie es als junger Künstler damals sogar schwerer als die Kollegen heute?

Leicht ist es zu keiner Zeit gewesen, und leicht ist es heute erst recht nicht. Begabung, Fleiß und handwerkliches Können – alles gut und schön; doch wenn nicht eine Portion Glück hinzukommt und die Gelegenheit, sich an entscheidender Stelle präsentieren zu können, kann alles bis ans Lebensende nur ein Traum bleiben.

Sie haben so viele Jahre in so vielen Programmen, TV-Sendungen und Filmen mitgewirkt. Welche Ihrer Auftritte und Engagements sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

All jene, die erfolgreich waren: Die ersten Rundfunkerfolge am Sender Leipzig als Sänger, später die Gelegenheit, diese Erfolgstitel auch im Fernsehen vorstellen zu dürfen. Dann mein erster Kinofilm „Das verhexte Fischerdorf“. Später die Hauptrolle auf dem Gebiet der ernsten Dramatik im TV-Dreiteiler „Abschied vom Frieden“. Auch die zehn Jahre mit Fernsehpapagei Amadeus sind nicht vergessen. Wie ich erfuhr, hat er die Wende nicht überlebt. Amadeus war eine Leihgabe des Leipziger Zoos und eigentlich eine Papageiendame, die auf den Namen Lore hörte. Die namentliche Geschlechtsumwandlung nahm sie professionell locker.

Im Vergleich zu heute: War das Zwischenmenschliche zwischen den Künstler-Kollegen anders als heute?

Ich glaube, dass es enger war. Doch könnte ich mir vorstellen, dass es auch heute wieder Freundschaften gibt, wenn Kollegen tourneebedingt länger beisammen und immun sind gegen  Tourneekoller, Stress und Gagenneid.

Für viele Künstler aus der DDR sind nach der Wende die Angebote ausgeblieben. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Locker, weil ich noch eine Sendereihe im Berliner Rundfunk bestritt, Hörspielangebote wahrnahm, und als Autor und Moderator bei „Radio 50plus“ mein Auskommen hatte.

Als die Mauer fiel, waren viele Menschen euphorisch und hatten große Pläne. War das bei Ihnen auch so?

Nein. Ich sah die Lage realistisch und war deshalb nicht überrascht. Die Ausgrenzung der Ostkünstler, von wenigen Ausnahmen abgesehen, leuchtete mir ein. Was von der medienweit eingeführten Gilde der Fernsehkünstler West abgedeckt werden konnte, blieb unverändert. Marktorientiert betrachtet, war das geradezu zwingend: Warum sich mit Unwägbarkeiten aus dem Osten zu belasten, wenn sich das Geschäft auch mit Vertrautem machen lässt?

Nach der Wende versuchten Sie sich, wie viele andere, als Kleinunternehmer, was gründlich schief ging. Haben Sie spätestens zu diesem Zeitpunkt den Westen Deutschlands und die Wende kritisch gesehen?

Was Sie als Kleinunternehmen bezeichnen, waren zwei Gesellschaften mit beschränkter Haftung und mehreren Geschäften in frequentierter Berliner Lage. Geschäfte, die sich immerhin fünf Jahre lang auf dem Markt  halten konnten. Dass dieses Projekt scheiterte, lag an der Unternehmerfamilie, die offenbar bereits durch ihre Ladenkette in erstklassigen Centern der alten Bundesländer in finanziellen Nöten war und sich wie viele der „Glücksritter West“ im Osten sanieren wollten. Ich war lediglich das Betrugsopfer durch eine Zweitbürgschaft aufgrund ungenügender Überprüfung der Bonität des Unternehmens durch die Bank. Dass durch kriminelle Energie auch in gigantischem Maß etwas schiefgehen kann, zeigt uns die gegenwärtige Lage.

 Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Mich an meiner Familie zu erfreuen, aus diesem Grund gesund zu bleiben und weiterhin geistig frisch.

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