Kein Konsens für den Nonsens

Kennen Sie den? Jens Spahn und Karl Lauterbach sitzen in einem Restaurant. Sie unterhalten sich. Und lachen. Einer der anderen Gäste geht zu ihnen und möchte wissen, was...

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Kennen Sie den? Jens Spahn und Karl Lauterbach sitzen in einem Restaurant. Sie unterhalten sich. Und lachen. Einer der anderen Gäste geht zu ihnen und möchte wissen, was es denn zu lachen gibt. „Wir machen Pläne für die nächste Welle!“, sagt Spahn. „Und wie sehen diese Pläne aus?“, fragt der Gast. „Wir werden 80 Millionen Bürger und ein Zebra einsperren“, sagt Spahn. Der Gast schaut etwas verwirrt drein. „Ein Zebra? Warum wollen Sie ein Zebra einsperren?“ Da klopft Spahn dem Lauterbach auf die Schulter und sagt: „Na Karl, was habe ich dir gesagt: Kein Mensch fragt nach den 80 Millionen Bürgern!“

Das ist ein Fundstück aus dem Internet; ein guter Witz reist – laut der Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830-1916) – stets inkognito. Schon der irische Dramatiker Richard Brinsley Sheridan (1751-1816) wusste, dass es ohne ein bisschen Bosheit unmöglich ist, witzig zu sein. Viel wichtiger ist ja auch die Frage: Wer oder was ist hier das Zebra?

Eine aktuelle Antwort wär: Die deutschen Osterurlauber auf Mallorca. Die Berliner Politik möchte diese Ausreißer, die es wagen, sich dem gestrengen Corona-Reglement mal kurz zu entziehen, allzu gern für all das verantwortlich machen, was bei der Pandemie schief läuft. Der Vorwurf, egoistisch zu sein, ist dabei noch harmlos. Die Bundeskanzlerin wurde sogar zur Wutbürgerin. Sie wollte „Himmel und Hölle in Bewegung setzen“, um Auslandsreisen zu unterbinden. Darüber berichtete u.a. der „Tagesspiegel“

„Hoffe auf den Herrn und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Es mag ja sein, dass Angela Merkel diesen alttestamentarischen Spruch (Psalter 37,3) für zeitgemäß hält, aber da gibt es eben viele Menschen, die nicht verzagt in den häuslichen vier Wänden ausharren, sondern mal wieder raus wollen. Raus in die Welt, sei’s auch nur auf diese Urlaubsinsel, für die sie sich reif fühlten.

Amüsant bis albern war, was sich zum Thema „Ostern auf Mallorca“ in den Medien finden ließ, um das Reisen zu verleiden. Als schlechtes Beispiel soll hier WELT online dienen. „Tausende Deutsche auf Mallorca gelandet – Infizierte können kostenlos in Quarantäne-Hotel“, so war noch am 28. März ein sachlicher Bericht überschrieben. Zitat: „Die Inzidenz auf der Insel ist niedrig – wer sich trotzdem infiziert, dem entstehen keine Zusatzkosten.“ Nur drei Tage später hieß es dann aber: „Zwei Deutsche schon in Quarantäne – Krankenkasse zahlt keine Kosten“

Aha, schon zwei (!) Deutsche infiziert, bei zigtausenden Urlaubern. Kommt da die erhoffte Schadenfreude bei den Daheimgebliebenen auf? Wohl eher nicht. Und das mit der Krankenkasse, die nicht zahlt, ist zwar streng genommen richtig, doch wie im Text selbst nachzulesen, eine arge Vereinfachung. Es soll damit weniger informiert und umso mehr Stimmung gemacht werden. Schade nur, dass auch WELT online in die Kakophonie der anderen Medien einstimmte.

Es wurde und wird überhaupt viel geredet und geschrieben von den deutschen Mallorca-Urlaubern. Es wird diskutiert und gestritten über das Für und Wider, als würde es um Kopf und Kragen gehen. Was heißt: Wir haben es, das „Zebra“ aus dem eingangs bemühten Witz.

Denn vergessen werden darüber (was beabsichtig sein dürfte) jene 80 Millionen Menschen, um deren Probleme es jetzt eigentlich gehen sollte. Aus den Schlagzeilen und damit aus den Köpfen verdrängt werden Firmen- und Geschäftspleiten, drohende Insolvenzen, prekäre Niedriglohn-Jobs und andauernde Kurzarbeit, soziale Verwerfungen, medizinisches Durcheinander, bildungspolitisches Desaster. Und dass es eine Politiker-Kaste geschafft hat, das gewählte Parlament zu entmündigen.

Was hier als Witz begann, ist eine ernste Sache. „Der schlaueste Weg, Menschen passiv und folgsam zu halten, ist das Spektrum akzeptierter Meinungen strikt zu limitieren, aber innerhalb dieses Spektrums sehr lebhafte Debatten zu erlauben.“ Das schrieb Noam Chomsky (Jahrgang 1928), ein linker US-amerikanischer Intellektueller und international renommierter Linguist, bereits 1998. Wirklich neu ist diese Methode auch nicht. Sein guter Rat für solche Lebenslagen: „Die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können.“

Wir müssen also herausfinden, ob hinter dem Missmanagement bei den Corona-Impfungen und den Tests (und dem teils grotesken Versagen zuvor) eventuell ein großer, böser Plan steckt. Oder ob das alles einfach nur absolut planlos verläuft. Beides wäre gleich schlimm. Was soll denn eine Eiapopeia-Osteransprache wie die des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, wenn es doch höchste Zeit wäre für eine neue Ruck-Rede, wie damals jene von Roman Herzog, einem würdigen Vorgänger im Amte.

Durch Deutschland müsse ein Ruck gehen, so hieß es im April 1997. Wir hören stattdessen seit Monaten nur Plattitüden. Die dann auch noch nachgeplappert werden. Beispiele gefällig?

Man sei in der „schwierigsten Phase“ der Corona-Pandemie, ließ die Bundesregierung am 18. Dezember 2020 über das Redaktionsnetzwerk Deutschland verkünden. Angela Merkel wiederholte genau das in einem Video-Podcast am 9. Januar 2021. CDU-Chef Armin Laschet hatte drei Monate später (ntv vom 5. April 2021) immer noch keinen anderen Spruch drauf: „Treten in die schwierigste Phase der Pandemie ein“.

Laschet brachte sich zudem mit seinem „Brücken-Lockdown“ ins Gespräch bzw. Gerede. So wie sich fast zeitgleich die Vorzeige-Grüne Katrin Göring-Eckhardt für einen „radikalen Wellenbrecher“ aussprach. Einen „Wellenbrecher-Lockdown“ wollte Karl Lauterbach, der große Experte von der SPD, bereits im Herbst 2020. Er könnte sie also des Plagiats beschuldigen. Inzwischen kommt von ihm aber auch nichts Neues mehr: „Wir benötigen jetzt einen harten Lockdown“ (6. April bei ntv-Frühstart).

Bei so viel Nonsens lässt sich kein Konsens finden. Für dieses Wortspiel sei dem Kolumnisten Peter Ufer von der „Sächsischen Zeitung“ gedankt. Selbst die geduldigen Sachsen sind – eine aktuelle Umfrage von „SZ“ und Civey – inzwischen zu fast 62 Prozent unzufrieden mit der Corona-Politik der CDU-geführten Landesregierung von Michael Kretschmer, dessen persönliche Beliebtheitskurve sich im freien Fall befindet (8.11.20: 54,3 Prozent / 5.4.21: 36 Prozent).

Dem im Freistaat regierenden Parteien-Dreier muss es zudem wie ein schlechter Witz vorkommen, dass bei der sogenannten Sonntagsfrage die AfD (29,6 Prozent) die CDU (27,3 Prozent) überholt hat. Auch Grüne und SPD büßten an Zustimmung ein. Ja, die Sachsen haben eine besondere Art von Humor. Doch wie sagte einst deren Landsmann Joachim Ringelnatz (geboren in Wurzen bei Leipzig, 1883-1934): „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“

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