Maß und Mitte sind nicht mehr als Mittelmaß

Es ist ein wenig hinter(n)listig, doch die Frage sollte mal gestellt werden: Warum horten die Leute ausgerechnet Klopapier? Zu den Symptomen einer Coronavirus-Erkrankung gehört Durchfall nicht unbedingt dazu....

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Es ist ein wenig hinter(n)listig, doch die Frage sollte mal gestellt werden: Warum horten die Leute ausgerechnet Klopapier? Zu den Symptomen einer Coronavirus-Erkrankung gehört Durchfall nicht unbedingt dazu. Vielleicht befürchten aber viele, sich aus Angst vor Covid-19 in die Hose zu machen. Dabei war Angst schon immer ein schlechter Ratgeber. Besser ist es, jetzt besonders aufmerksam zu sein. Jeder dürfte inzwischen wissen, was er tun kann und was er besser lassen sollte.

Halten wir es doch mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Seiner Meinung nach ist Krise ein produktiver Zustand. „Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Bei der aktuellen Pandemie ist das hierzulande nicht geglückt. Es ist katastrophal und das nicht nur eine Geschmacksache. Es heißt nun oft, man müsse nach vorn schauen. Doch das sagen vor allem die, die (hoffentlich!) ein schlechtes Gewissen plagt.

Sollte man zum Beispiel nicht fragen, wer in den vergangenen Jahren unser Gesundheitswesen kaputt gespart hat? Und das mit schlimmen Folgen für die Krankenhäuser, für die Ärzte, für das medizinische Personal sowie letztlich für die Patienten. Keiner kann sagen, er habe davon nichts gewusst. Erinnert sei hier nur an den großen Ärzte-Appell des „Stern“ vom Herbst vorigen Jahres. Es war ein Notruf: „Rettet die Medizin!“

Bereits Ende Januar war klar, dass es dieses Virus aus China bis nach Europa und auch nach Deutschland geschafft hat. Es dauerte allerdings rund eineinhalb Monate, bis die Präsidentin der Europäischen Kommission es eingestand: „Wir haben das Coronavirus am Anfang unterschätzt.“  Die Bundesregierung war keinen Deut besser. Sie überließ es noch Ende Februar in großem Umfang den Behörden vor Ort, alle erforderlichen Maßnahmen nach deren Gutdünken zu treffen. Und ließ diese damit letztlich allein.

Die Bundeskanzlerin wollte ein Vorgehen „mit Maß und Mitte“ beim Umgang mit dem Virus. Was sie aber wohl vor allem wollte, waren keine unpopulären Entscheidungen, die von ihrer Regierung getroffen werden. Etwa den traditionellen Karneval mit seinen närrischen Massenaufläufen zu unterbinden. Es fehlte in Berlin jedoch nicht nur an Kreativität beim Umgang mit der sich bereits damals deutlich abzeichnenden Krise. Sogar beim Slogan „Maß und Mitte“ bediente man sich aus dem Archiv der Redenschreiber.

Bei der Grundsatzdebatte der CDU im Jahre 2006 (!) war  „Merkel auf der Suche nach Maß und Mitte“ Der „Spiegel“ zitierte sie damals mit dem folgenden Passus: „Die CDU bleibe Volkspartei, sie sei es von Anbeginn gewesen und bis heute geblieben, weil es ihr immer wieder gelungen sei, ‚Maß und Mitte‘ zu finden“. Tja, so kann man sich irren. Und niemand sollte sich darüber beklagen, dass Maß und Mitte bestens zu Mittelmaß passt.

Gezeichnet von Irrungen und Wirrungen war, was sich zuletzt im Zeichen der Corona-Krise abspielte. Und es war ein Trauerspiel! Als einige unserer Nachbarländer die Grenzen dicht machten, gab es für solche viele Medien durchaus typische Aussagen (deshalb hierfür ausgewählt) wie jene von Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft bei der „Welt“. Seiner Meinung nach nutzen Grenzschließungen wenig im Kampf gegen das Coronavirus. „Mit ihnen stellt die deutsche Politik den Alleingängen anderer Regierungen einen Freibrief aus.“

Also das war schon sehr anmaßend! Doch es kam noch schlimmer. Diese Entscheidung sei sogar gefährlich, „weil Deutschland anderen in einem Abschottungwettlauf hinterherhumpelt, anstatt eine konstruktive Führungsrolle in Europa zu übernehmen.“ Die Worte Deutschland, konstruktiv und Führungsrolle in einem Satz – das ist wahrlich gewagt und ein Selbstbetrug ohnegleichen. Aber wenigstens mit dem „hinterherhumpeln“ lag der Kommentator der „Welt“ richtig.

Viele Länder dachten gar nicht daran, auf Deutschland zu warten. Sie führten erst strikte Grenzkontrollen ein und schlossen diese dann ganz. Ja, und wir humpelten hinter, machten es den anderen nach. Leider jedoch nicht mal das richtig. Die Landesgrenzen waren zwar irgendwie zu, doch es landeten auf deutschen Airports noch Flugzeuge, die aus Krisengebieten kamen. Ohne Gesundheitskontrollen! Wer nachlesen möchte, wie paradox das alles ist, folge dem Link zu „Flug IR721 enttarnt Scheuers Landeverbot als leeres Versprechen“. Der Verkehrsminister kann also nicht nur Maut nicht.

Wenig überzeugend ebenso das Krisenmanagement von Gesundheitsminister Jens Spahn. Ein Beispiel (außer dem Destaster um Mundschutz und Atemmasken) gefällig? „Menschen ab 60 sollten angesichts der immer weiteren Ausbreitung des Coronavirus sicherstellen, dass sie gegen Penumokokken geimpft sind. Die Bakterien können zu gefährlichen Lungenentzündungen führen, genauso wie das neuartige Coronavirus.“ Das sagte Spahn. Nachzulesen bei „Spiegel Wissenschaft“. Nur hätte er sich vorher kundig machen sollen. Der vorhandene Impfstoff reichte dafür gar nicht aus! Die Impfung wurde deshalb auf 70-jährige und Risikopatienten eingeschränkt.

Und weil aller schlechten Dinge drei sind: An der polnischen Grenze gab es kürzlich auf der A4 mehrere Tage einen Lkw-Rückstau bis über 60 Kilometer. Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Feuerwehr und schließlich auch die Bundeswehr leisteten Hilfe in dieser chaotischen Situation. Für Sachsens Ministerpräsident Kretschmer war laut „MDR“ sofort alles klar: „Hier muss die polnische Seite schneller reagieren.“ Besser als solche Schuldzuweisungen wäre eine rechtzeitige logistische Unterstützung von deutscher Seite gewesen. Doch die gibt es wohl nur, wenn die NATO mal wieder Großmanöver veranstaltet. Kretschmer warb noch Anfang März (!) für „Defender 2020“ .

So viel zur „großen“ Politik. Inzwischen betreffen teils drastische Einschränkungen sehr viele Bürger ganz direkt. Und diese beweisen jetzt im besten Sinne ihre Alltagstauglichkeit. Es gibt bereits tausende Infizierte, die meisten werden das überleben. Jedoch längst nicht alle. Vielleicht, weil zu viel geredet und zu wenig getan wurde. Aber wie sagte der ehemalige Bundespräsidenten Theodor Heuss: „Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.“                      

Hans-Georg Prause

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