Wissen wollen, was wirklich war

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Oder wie der Bildungsbürger es lateinisch sagen würde: „Quod licet lovi, non licet bovi“. So langsam am Ende mit...

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Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Oder wie der Bildungsbürger es lateinisch sagen würde: „Quod licet lovi, non licet bovi“. So langsam am Ende mit seinem Latein dürfte der Bautzener SPD-Oberbürgermeister sein, wenn ihm von Journalisten seit Jahr und Tag stets die Frage gestellt wird, was er denn tun will, um den Ruf seiner Stadt zu verbessern. So auch kürzlich wieder in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Online ist es gleich mal überschrieben mit „Kampf dem braunen Image“. Da hilft es wenig, wenn Alexander Ahrens geduldig erklärt, er sehe das anders: „Das ist ein Ruf, der mich fast täglich beschäftigt und auch nachhaltig ärgert, weil er zum Lebensgefühl der allermeisten Menschen hier in der Stadt einfach nicht passt.“

Aber so eine Antwort passt nicht ins Zerrbild, das manche Medien nur zu gern von Bautzen zeichnen. Fast könnte man meinen, je weiter weg die Redaktionen sitzen, umso einfacher macht man es sich dort. Vielleicht zu bequem am Hintern oder aber im Kopf. Die Berliner „taz“ als überregionale Tageszeitung berichtete dieser Tage jedoch aktuell über eine Veranstaltung vom Wochenende auf dem Kornmarkt in Bautzen. Viel mehr zu loben ist daran aber leider nicht. Denn das tat sie auf eine sehr (links)alternative Art und Weise. Wer nur seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, kann sich die Reisekosten eigentlich sparen.   

Wenig originell bereits die Schlagzeile „Bunt in brauner Provinz“. Wobei nicht das erheblich überhebliche „Provinz“ ein Ärgernis ist. Nein, der Artikel insgesamt ist es. Es ging um das Gastspiel der „Wann wenn nicht jetzt“-Konzerttour, „mit der sich ein Zusammenschluss aus Linken und zivilgesellschaftlichen Ak­teu­r*in­nen gegen einen Rechtsruck vor den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen engagiert“ (so die „taz“). Nur erfährt der Leser kaum etwas darüber. Ja, es gab Infostände, Workshops, ein Rapper trat auf.  Das war’s aber schon.

Wichtiger sind der aufgebrachte und mutmaßlich AfD-nahe Rentner Dieter und die beiden älteren Damen auf der Bank, die beifällig nicken. Und fast schon spürbare Erleichterung kann man aus der folgenden Zeile heraus lesen: „Ganz friedlich blieb es am Ende dann doch nicht.“ Ein Rechtsradikaler (hatte er ein Schild umhängen?) soll einem Besucher ins Gesicht geschlagen haben. Die Polizei bestätigt lediglich „eine Rangelei“ am Rande des Kornmarktes.

Viel konkreter wird es in dem „taz“-Beitrag kaum. Aber die sogenannte Hetzjagd von Rechtsextremisten auf junge Geflüchtete – fast drei Jahre ist das inzwischen her – durfte stattdessen nicht fehlen. Bei solchen Geschichten ist es schon Methode geworden, sie einfach vom Ende her und keinesfalls ganz zu erzählen. Denn der Stress begann damals, als die Unbegleiteten minderjährigen Ausländer (kurz UMA, so sagte man) sich im September 2016 mit der Polizei anlegten.

Der „Bautzener Bote“ schrieb seinerzeit u.a.: Wie der Polizeibericht festhält, waren es jedoch nicht die „augenscheinlich gewaltbereiten Personen“, übrigens „in großer Zahl dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen“, die handgreiflich wurden: „Die Beamten trennten mit einer Polizeikette die beiden Gruppierungen und forderten alle Anwesenden auf, den Platz zu verlassen. Aus der Gruppe der Asylbewerber wurden die Polizisten mit Flaschen, Holzlatten und anderen Gegenständen beworfen, worauf die Beamten Pfefferspray und den Einsatzmehrzweckstock einsetzten.“

Der für diese Tumulte mitverantwortliche Libyer Mohamed Y. begann damals seine spätere kleinkriminelle Karriere. Unrühmlich bekannt wurde er als „King Abode“. Manch eine(r) bestärkte ihn trotzdem in seiner Opferrolle. Die Polizei führt ihn inzwischen als Intensivtäter. Dieses Jahr, am 22. August, steht er vor Gericht. Die Delikte sind zahlreich: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Beleidigung, Hausfriedensbruch. Wäre das nicht eine Story für neugierige Journalisten gewesen, die wirklich wissen wollen, was war und was ist? Vielleicht hätten sie sogar tatsächlich erfahren, wie in Bautzen alles begann.

Aber einfacher ist es natürlich, auf „lokale Aktivist*innen“ zu hören, die von einer „schweigenden Mitte“ berichten, die bei rassistischen Übergriffen wegsieht. Weil es jedoch an Beispielen für Bautzen mangelt, um diesen pauschalen Vorwurf zu belegen, blockt die „taz“ stattdessen gleich mal einen Link ein, der zu einem spektakulären Vorfall in Dresden (!) führt. Was nicht passt, wird manchmal in den Redaktionen eben passend gemacht.

Doch warum nun dieses bekannte Sprichwort am Anfang der Kolumne? Nun, nicht nur die linke Tageszeitung „taz“ hat über diese Veranstaltung berichtet. Auch die lokale „Sächsische Zeitung“ tat das. Nur eben anders. „Wenn zwei das Gleiche tun, …“ Wie wahr, ach wie wahr!

Für ihren Beitrag, der am Montag in der „SZ“ erschien, hat sich Carmen Schumann vor Ort umgesehen. Gespräche wurden geführt und dabei die Partner „mit Namen und Hausnummer“ genannt. Da gab es keine anonymen „Aktivist*innen“. In der „SZ“ ließ man u.a. die jungen Leute von der Initiative „Aufbruch Ost“ ausführlich zu Wort kommen. Dabei (oder deswegen) kam der Artikel ohne – im mehrfachen Wortsinn – linke Plattitüden aus. Doch hier soll nun nicht der Beitrag nacherzählt werden. Er steht online (ohne Bezahlschranke) und ist hier hinter „Ostdeutsche fordern Lohnangleichung zwischen Ost und West“ verlinkt.

Bereits diese Überschrift zeigt, um was es bei „Wann wenn nicht jetzt“ auch ging: um zu hohe Mieten, um Zukunftsängste junger Leute, um Armut im Alter. Wäre das im Vorfeld besser publiziert worden, hätte selbst die „taz“ nicht konstatieren müssen: „Allerdings beteiligen sich nur wenige An­woh­ne­r*in­nen am Festival, viele Be­su­che­r*innen sind eigens angereist. Die Ver­an­stal­ter*in­nen sprechen von 500 Teil­neh­me­r*in­nen, es wirkt deutlich leerer.“

Zum Abschluss hier noch ein Zitat von Frieda Schiller, die das alles mitorganisiert hat: „Wir als junge Generation wollen verstehen, wie die Jugend in der DDR war und wie es zu den heutigen Problemen kommen konnte.“ Mit dieser Einstellung ist sie den „taz“-Autoren Linda Peikert und Alexander Nabert weit, weit voraus.   

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