Wer alt aussah bei der Wahl der Jungen

Eine Gläserne Kugel besitzt der MDR nicht und er beschäftigt auch keine Wahrsager. Trotzdem meldete die Nachrichten-Redaktion der Dreiländeranstalt bereits am vorigen Freitag ein „Wahlergebnis mit Überraschungen“. Um...

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Eine Gläserne Kugel besitzt der MDR nicht und er beschäftigt auch keine Wahrsager. Trotzdem meldete die Nachrichten-Redaktion der Dreiländeranstalt bereits am vorigen Freitag ein „Wahlergebnis mit Überraschungen“. Um erst gar keine Irritationen aufkommen zu lassen: Es ging dabei um eine bundesweite „Testwahl“ von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Das Bundesfamilienministerium und die Bundeszentrale für politische Bildung fördern dieses Projekt. Organisiert wird es von Kinder- und Jugendverbänden sowie dem Bundesjugendring. Es wurden dafür 1662 Wahllokale eingerichtet. Mehr als 215 000 junge Wähler machten mit.

Aber worin besteht sie nun, die Überraschung? Bei den jugendlichen Wählern lagen CDU/CSU mit 28,4 Prozent vorn, gefolgt von der SPD mit 19,8 Prozent. Das liegt zumindest bei der SPD sogar nah dran an den aktuellen Umfragen vor der „großen“ Bundestagswahl. Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen (Volksmund). Dass die Grünen es auf 16,6 Prozent und damit den dritten Platz schafften, das überrascht vielleicht ein wenig. Beim Kopf-an-Kopf-Rennen der kleinen Parteien hatten sie damit mehr als nur eine Nase vorn (Linke 8,1 Prozent, AfD 6,8 Prozent, FDP 5,7 Prozent). Der große Rest ging an „sonstige“ Parteien.

Die eigentliche Überraschung findet man erst in jenem Beitrag, den die MDR-Redakteure mit Verspätung online stellten – nicht als eigenen Artikel, sondern eingebettet in den aktualisierten Hauptbeitrag. Man könnte anmerken: Da fiel er nicht so auf. Denn bei den Kids ist die „AfD in Mitteldeutschland besonders stark“. Dazu ein Zitat von MDR aktuell: „Unter 18-Jährige in Thüringen und Sachsen würden besonders häufig AfD wählen. Bei der sogenannten U18-Bundestagswahl stimmten in Thüringen 15,69 Prozent der teilnehmenden Schüler und Jugendlichen für die AfD, in Sachsen waren es 15,78 Prozent. Das sind bundesweit die höchsten Ergebnisse … In den beiden Ländern lag nur die Zustimmung für die CDU mit 26,01 Prozent in Thüringen und 21,13 Prozent in Sachsen vor der AfD.“ In Sachsen-Anhalt dominierte ebenfalls die CDU (25,68 Prozent); die AfD als Vierte bekam 11,35 Prozent.

Zur Erinnerung: Es geht hier um die jungen, die zukünftigen Wähler. Im Internet kann man die konkreten Wahlergebnisse aufrufen und sich im Detail ansehen. Den Hinweis vermisste man leider auf der MDR Homepage. Die Auswertung war am Wochenende noch nicht komplett. Vielleicht differieren die nun folgenden regionalen Zahlen hinter dem Komma deshalb ein wenig. Der Wahlkreis Bautzen I überrascht mit 26,30 Prozent für die AfD, vor CDU (20,16 Prozent) und SPD (11,65 Prozent). Alle anderen Parteien blieben nur einstellig. Im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge lag bei den Noch-nicht-Wählern ebenfalls die AfD vorn (22,90 Prozent, CDU 20,87 Prozent). Im Wahlkreis Görlitz konnte sich die CDU (20,04 Prozent) gegen die AfD (18,28 Prozent) behaupten. In den anderen sächsischen Wahlreisen sind diese beiden Parteien auch meist gut bis sehr dabei. Das erheiternde Kontrastprogramm liefert der Wahlkreis Leipzig I. Dort sind 55,63 Prozent für die Grünen der absolute Ausreißer; die AfD und die CDU laufen dort nur unter „sonstige Parteien“.

Das alles hat selbstverständlich keine Bedeutung für die Bundestagswahl am kommenden Sonntag. Weil diese Kinder und Jugendliche jedoch in einem bestimmten sozialen Umfeld leben, sollte man andererseits die Ergebnisse nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Solch eine Wahl vor der Wahl findet bereits seit 1996 aller vier Jahre statt. Als Probelauf in Sachen praktizierter Demokratie ist sie ernst zu nehmen. Alle Verfechter einer Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre (wie Grüne, Sozialdemokraten, Linke) wird diese bundesweite U18-Abstimmung 2017 vielleicht etwas nachdenklich machen. Zumindest mit Blick auf die Stimmung in den ostdeutschen Bundesländern. Wer jung ist, ist eben nicht (mehr) unbedingt „links“, ganz egal, in welcher Farbschattierung. Stattdessen ist „die Jugend“ durchaus kritischer und in ihrer Meinungsbildung unabhängiger, als es meist in der Zeitung steht.

So war es ein Paukenschlag, als die „Frankfurter Allgemeine“ Anfang Mai dieses Jahres meldete: „Europas Jugend hält nicht viel von Demokratie“. Er fand aber kein Echo bei den Qualitätsmedien. Deshalb einige Fakten aus diesem Artikel über eine aktuelle YouGov-Studie:

„Mit 52 Prozent der Befragten gab nur eine knappe Mehrheit an, die Demokratie als Staatsform zu bevorzugen. Europa verstehen viele junge Menschen primär als Wirtschaftsraum und nicht als Wertegemeinschaft mit kulturellen Gemeinsamkeiten: Drei von vier Befragten sehen in Europa vor allem ein wirtschaftliches Bündnis. … ‚Sicherheit‘ ist für die Befragten nach ‚Menschenrechten‘ und ‚Frieden‘ einer der wichtigsten Werte. Zugleich wünschen sich die Jungen weniger Einfluss der EU auf die Nationalstaaten – und eine größere Macht der nationalen Regierungen. … Auch mit ihrer nationalen Regierung zeigen sich viele junge Europäer unzufrieden. Nur in Deutschland ist die knappe Mehrheit (53 Prozent) mit ihrer aktuellen Regierung zufrieden.“

Zum letzten Satz möchte man hinzufügen, dass dieses „etwas über die Hälfte“ auch kein Traumergebnis ist. Aber egal. In die Studien einbezogen wurden insgesamt 6000 junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren aus sieben europäischen Ländern. Das heißt, sie waren im Schnitt um einiges älter und erfahrener, als die Teilnehmer der U18-Bundestagswahl. Deshalb dürften sie die Welt bereits etwas nüchterner sehen. Und so ist die in den Zeitungstext eingebundene Jubelüberschrift „Flüchtlinge willkommen“ eine dieser nur zu gut bekannten kleinen Lügen. Denn 68 Prozent der jungen Europäer befürworten zwar die Aufnahme von Flüchtlingen, aber mit der emotionslosen Einschränkung, „die aus berechtigten Gründen Asyl suchen“.

Sogenannte linke Positionen sind das alles nicht. Nicht bei den deutschen U18-Wählern und auch nicht bei den Jung-Europäern. Deshalb überraschte es auch kaum, dass jüngst in Bautzen die Aktionswoche „gegen das Vergessen“ – maßgeblich organisiert von Linksjugend und SPD-Jusos – nicht die von den Veranstaltern erhoffte Resonanz gefunden hat. Könnte das der einseitigen Darstellung der Ereignisse vom September 2016 geschuldet sein? (Mehr dazu stand in der BB-Kolumne „Das war vor einem Jahr …“. Letztlich nahmen nur knapp 100 Menschen am Samstag am abschließenden „Mahngang“ durch die Innenstadt teil. Darunter waren laut Polizeibericht zudem noch „Zugereiste aus anderen Städten“, um die lichten Reihen wenigstens etwas aufzufüllen. Beim MDR, wo man sich seit einiger Zeit auf die Spreestadt eingeschossen hat, erinnert sei nur an das Tohuwabohu um den King Abode, hieß es resignierend „Bautzener zeigen wenig Interesse am Mahngang durch die Innenstadt“.

Hoffen wir auf umso mehr Interesse der Bautzener Bürger am „Wahlgang“ am kommenden Sonntag!

Hans-Georg Prause

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