Geplatzte Illusionen und ein Armutszeugnis

„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.“ Dem französischen Philosophen Francois-Marie Arouet reichen diese zwei kurzen...

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„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.“ Dem französischen Philosophen Francois-Marie Arouet reichen diese zwei kurzen Sätze, um das auf den Punkt zu bringen, was derzeit viele bewegt. Nur dass er von der Corona-Pandemie und Covid-19 im Jahr 2020 nichts weiß, besser: nichts wissen konnte. Der Mann lebte im 18. Jahrhundert, erwarb sich seinen Ruf als Philosoph, Aufklärer und kritischer Geist. Bekannt wurde er unter dem Namen Voltaire.

Dass heutzutage alles in Ordnung ist, wird niemand behaupten wollen, der es ehrlich meint und sich allseitig informiert. Und es war eine Illusion zu glauben, dass mit dem (nun verlängerten und verschärften) Lockdown „light“ die Ausbreitung eines Virus eingedämmt werden könnte. Wo selbst das Robert Koch-Institut eingesteht, noch immer in drei von vier Fällen nicht sagen zu können, woher die Infektionen kommen.

Selbst der Gesundheitspolitiker und „Wellenbrecher“-Verfechter Karl Lauterbach hat inzwischen eingeräumt, dass der Teillockdown die Infektionszahlen bei weitem nicht so senkt, wie erwartet wurde. „Er wirkt etwa halb so stark, wie wir gerechnet haben“, sagte Lauterbach dieser Tage im ARD-„Morgenmagazin“. Auf diese Sprachregelung scheint man sich geeinigt zu haben. Erstaunlich, was da bei aerzteblatt.de zu lesen ist. Die Kommentare inklusive.

Hat die Pandemie-Buchela* von der SPD wirklich eine Fehleinschätzung eingestanden? Bislang surft Lauterbach recht publikumswirksam und medientauglich auf den Corona-Wellen. Er hat seine zuvor mit einer gewissen Affektiertheit getragene Fliege abgebunden und sich hemdsoffen anbiedernd einen Expertenstatus zugelegt. (*Kurze Anmerkung für die jüngeren Leser dieser Kolumne: Jene Madame Buchela war in den späten Nachkriegsjahren eine prominente Wahrsagerin, die „Seherin von Bonn“, auch „Pythia vom Rhein“ genannt.)  

Aber keine Bange. Leute wie er werden stets alles dafür tun, um nicht wie vorher nur wieder in den seichten Tümpeln der Politik dümpeln zu müssen. Lauterbach schreckte selbst nicht vor der Forderung zurück, die Polizei müsse auch Zutritt zu Wohnungen haben, um Verstöße gegen die Corona-Verordnungen zu verfolgen. Auf merkur.de wurde er bereits Ende Oktober mit der Aufsehen erheischenden Aussage „Befinden uns in einer nationalen Notlage“ zitiert.

Das war dann selbst jenen Zeitungen und TV-Sendern, die ansonsten alle Maßnahmen der großen Politik huldvoll begleiten, etwas zu viel des Schlechten. Vielleicht war Lauterbach aber einfach nur der Zeit ein ganz klein wenig voraus. Rund einen halben Monat darauf ließ sich die Regierung vom Bundestag quasi eine Pandemie-Generalvollmacht ausstellen.

Wobei über diese Abstimmung auffallend zurückhaltend die ganze Wahrheit publik gemacht wird: 415 Abgeordnete votierten für diese Reform. Dabei erwiesen sich die eigentlich oppositionellen Grünen wie oft in der Corona-Krise einmal mehr als „zuverlässiger Partner“ (so CSU-Chef Markus Söder) der Regierungskoalition von CDU/CSU und SPD. Doch es gab auch 236 Stimmen dagegen. Diese kamen von der AfD, von der Partei Die Linke und von der FDP. Das ist bemerkenswert und lässt hoffen. 

Aber Lauterbach & Co. spornt das eher noch an. Obwohl schon vieles im normalen Leben stillgelegt ist, die Unterbindung sozialer Kontakte aber anscheinend noch nicht genug Schaden angerichtet hat, werden jetzt u.a. wieder verstärkt die Schulen ins Visier genommen. Dabei geht von diesen nachweislich, dazu gibt es Studien, keine besondere Infektionsgefahr aus. Doch man kann’s ja mal probieren. Also überall Masken tragen, stets Abstand halten und schön artig sein – die Kinder sollen sich nicht so haben. Vielleicht gibt es für sie sogar länger Ferien! Dann dürfen sie zuhause bleiben. Ist das denn schlimm? 

Nun, zumindest ist es paradox.  Wurde inzwischen nicht der private, der familiäre Bereich als der Hort des Corona-Bösen ausgemacht? Wer, wo, wen und wie viele in den häuslichen vier Wänden treffen darf, wer wie und mit wem das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel feiern darf – das ist wirklichkeitsfern zur bloßen Verhandlungssache geworden. Als eine Gelegenheit für die Landespolitik, so zu tun, also könnte sie sich den Vorgaben aus Berlin (und Bayern?) ernsthaft entziehen. My home is my castle? Die Wohnung ist unverletzlich? Ja wo leben Sie denn!

Der Dresdner Stadtschreiber Franzobel, der eigentlich Franz Stefan Griebl heißt und Österreicher ist, nahm sich kürzlich im Feuilleton der „Sächsischen Zeitung“ den eher behördlich geprägten Begriff „wohnhaft“ vor. Aus aktuellem Corona-Anlass schaute er sich das Wort genauer an. In „wohnhaft“ steckt auch „haft“. Erst die Großschreibung verweist jedoch auf des Pudels Kern: Haft! Denn es kann ja neuerdings passieren, dass Sie unverschuldet ganz plötzlich in häusliche Quarantäne geschickt werden. Sie müssen dafür nicht unbedingt positiv getestet worden sein. Das ist der feine Unterschied zur Isolation. Letztlich kommt es für Betroffene aber fast auf das Gleiche raus.

Ansonsten ist es schon erstaunlich, was in diesem Virus steckt. Sicher haben Sie bereits bemerkt, dass es vor allem im Umfeld von Kunst und Kultur, von Sport, Freizeit und Familie auftritt. An Keipengänger scheint er sich gern zu hängen. Und im Handel lauert Corona wohl auch zwischen den Regalen. Deshalb wird das alles gänzlich abgeschottet oder gründlich lahmgelegt.

„Die Geschäfte hungern bei geöffneten Ladentüren aus“, überschrieb deshalb WELT kürzlich einen Artikel zur Lage des Einzelhandels. Kundenfrequenz und Umsatz würden auch im Lockdown light dramatisch zurückgehen. Trotzdem gibt es nun verschärfte Auflagen für diese Branche – ausgerechnet vor dem Weihnachtsgeschäft. Schon der sogenannte Black Friday mit seinen Schnäppchen und Rabatten hat dieses Jahr einen bösen Beigeschmack. Es fällt schwer, für den Mittelstand nicht schwarz zu sehen. 

Ansonsten scheint Covid-19 arbeitsscheu zu sein. Um Industrie und Wirtschaft macht der Virus einen großen Bogen. Denn arbeiten gehen dürfen wir noch. Am Arbeitsplatz, auf dem Weg dahin und wieder heim steckt sich doch keiner an, oder? Ach ja, die Kurzarbeiter-Regelung wurde auch verlängert. Irgendwann wird aber die Rechnung für die übers Jahr aufgelaufenen Kosten vorgelegt. Wer zahlt dann? Außerdem fehlt über längere Zeit gesehen jedem das gekürzte Einkommen in der privaten Haushaltskasse. Zumal nächstes Jahr (allein die Energiepreise!) vieles teurer wird.

Und wussten Sie, dass bereits im Juni, also durch Corona Teil 1, rund 850 000 Minijobs weggefallen waren? Die Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt trifft es am härtesten. Aber darüber geht die Politik meist stillschweigend hinweg. Es gibt doch Hartz IV, was laut einem gewissen Herrn Jens Spahn, inzwischen Bundesgesundheitsminister, schließlich „nicht Armut“ bedeutet. Es ist fast auf den Tag genau zwei Jahre her, dass er sich derart in der ARD-Talkrunde bei Anne Will äußerte und zudem weitere Sanktionen gegen Arbeitnehmer, die nicht arbeiten wollen, forderte.

Vielleicht sollte jemand dem ambitionierten CDU-Politiker den aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes auf den Schreibtisch legen. Denn die Armut hierzulande ist auf den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung. Und das war bereits im vorigen Jahr so, im Jahr vor Corona … Für dieses, für unser Land ist das – ein Armutszeugnis!

Hans-Georg Prause

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