Lasst Sprüche sprechen

Es gibt unter den Sprüchen eines Tageskalenders meist viel Amüsantes, oft auch schon Bekanntes. Eher selten denkt man etwas länger darüber nach. Aber auch das kommt vor. Zum...

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Es gibt unter den Sprüchen eines Tageskalenders meist viel Amüsantes, oft auch schon Bekanntes. Eher selten denkt man etwas länger darüber nach. Aber auch das kommt vor. Zum Beispiel dann, wenn sich ein altes Zitat plötzlich als sehr aktuell erweist. Wenn sich über Jahrhunderte hinweg ein Bogen ins Hier und Heute schlagen lässt. Da sagte oder schrieb einst Blaise Pascal (1623 – 1662): „Ein Wort kann den Sinn wechseln, je nachdem, wer es ausspricht.“ Man könnte meinen, der französische Naturwissenschaftler, Literat und Philosoph dachte damals schon an Annalena Schmidt aus Hessen, derzeit wohnhaft in Bautzen.

Diese junge Frau ist Botschafterin für Demokratie und Toleranz. Ob sie diese Auszeichnung aber einfach nur vor sich her trägt oder ob sie sich in ihrem Handeln auch als tolerante Demokratin auszeichnet, wurde hin und wieder bereits hinterfragt. Sie wissen ja: „Ein Wort kann den Sinn wechseln …“ Nun wird Annalena Schmidt demnächst im Stadtrat mit über das Wohl und Wehe von Bautzen entscheiden. Sie könnte es also mit dem ehrwürdigen Herrn Johann Wolfgang von Goethe halten: „Der Worte sind genug gewechselt / lasst mich auch endlich Taten sehen.“ Doch die parteilose Stadträtin der Grünen sieht das wohl etwas anders. Sie twitterte erst unlängst:

„Mir wurde heute vier Mal die Frage gestellt, ob ich einem Antrag der #AfD im Stadtrat zustimmen würde, es ginge doch um Sachpolitik. Ja, es geht um Stadtpolitik im Stadtrat. Einem Antrag der AfD würde ich aber NIE zustimmen, auch wenn ich die Inhalte teile.“

Die Hervorhebung des NIE durch Versalien ist von A. Schmidt. Dabei soll man doch im Leben sprichwörtlich nie „nie“ sagen. Bei Goethe geht es im „Faust“ zuversichtlich so weiter: „Indes ihr Komplimente wechselt / kann etwas Nützliches geschehen.“ Die Fortsetzung des Tweets der Annalena Schmidt kommt dagegen eher unerwachsen bockig daher: „Ich beschaffe der #AfD doch keine Mehrheit, damit sie sich damit rühmen kann.“ Doch die junge Frau kann auch großzügig sein: „Bei anderen Parteien klar, kann man darüber reden …“

Mal ganz abgesehen davon, dass in diesem neugewählten Stadtrat bei insgesamt 30 Plätzen ihre eine Stimme kaum etwas mit der Schaffung von Mehrheiten zu tun haben wird, könnte selbst das mit den „anderen Parteien“ problematisch werden. Wie twitterte sie doch noch wenige Tage vor der Kommunalwahl: „Für mich ist die #CDU in #Bautzen mittlerweile genauso ätzend wie die #AfD! Die #SPD in Bautzen eiert herum! …“ Solche Äußerungen dürften einer gedeihlichen Zusammenarbeit im Stadtrat kaum zuträglich sein. Zumal ihr auch das erstarkte Bürgerbündnis – zurückhaltend formuliert – wenigstens suspekt ist.

Damals gab übrigens Annalena Schmidt gleich noch eine Wahlempfehlung ab. Natürlich zuerst für sich und den Mitgrünen @Claus Gruhl, wer will ihr das vorwerfen. Aber so ging es weiter im Text: „Solltet ihr ein Problem damit haben, dann gebt die Stimme für @Der_Grundmann oder Andrea bei den Linken!“ Wow, da denkt jemand selbstgefällig über Parteigrenzen hinweg und an die Brüder und Schwestern im Geiste. Wenn da mal nicht die anderen Bewerber der Grünen etwas pikiert dreingeschaut haben. Bei der Partei Die Linke dürfte man nach der Wahl ebenfalls bedäppert gewesen sein. Einst eine ernstzunehmende Größe in der kommunalen Politik, blieben davon nur drei Stadtratssitze übrig. Kann es sein, dass das irgendwie mit der selbstdarstellerischen One-Man-Show von Fraktionschef Steffen Grundmann zu tun hatte?

Große Sorgen scheint diesem das aber nicht zu machen. Stattdessen wird getwittert und gewitzelt, wie sich die im Stadtrat verbliebenen Räte der Linken (3), der Grünen (2) und der SPD (2) nennen könnten. Also vielleicht „Die glorreichen Sieben“ a la Hollywood. Von außen besehen wäre „Die sieben Zwerge“ recht passend. Nur das da das Schneewittchen schon inbegriffen ist, um wenigstens auf diese Zahl zu kommen.

Selbstverständlich ist das nur ein ironisch gemeinter Vorschlag. Hier soll niemand verunglimpft werden, das ist nicht menschenverachtend, da ist kein Hass, keine Hetze, darüber muss sich niemand empören oder gar entsetzen. Keiner ist ein Opfer. Und weil eine Minderheit betroffen ist: Hier wird niemand diskriminiert.

Deshalb geht es jetzt ganz ernsthaft weiter. Die dazu passenden Worte stammen auch von einem Kalenderblatt und zitieren die jüdische Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906 – 1975): „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“ Und wenn das zu kompliziert gedacht ist, gibt es speziell für Annalena Schmidt – nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate – hier zum Abschluss noch ein kurzes Zitat des 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872 – 1933): „Mir hat noch nie geschadet, was ich nicht gesagt habe.“ Wäre ein gutes Motto – für ihren Blog, für Twitter, für Facebook … quasi als Selbstschutz.

Statt einer Quellenangabe: Mit einem literarischen Jahreskalender aus dem Hause Axel Springer und einschlägigen Bautzener Social Media-Accounts schrieb sich diese Kolumne fast von allein.

Herzlichen Dank dafür sagt Hans-Georg Prause 

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