Mehrere Tests nicht bestanden

Über das „Elend des Menschen“ machte sich seinerzeit Blaise Pascal (1623 – 1662) so seine Gedanken. Demnach „rührt das ganze Unglück allein daher, dass sie nicht ruhig in...

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Über das „Elend des Menschen“ machte sich seinerzeit Blaise Pascal (1623 – 1662) so seine Gedanken. Demnach „rührt das ganze Unglück allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“. Das ist aber kein Plädoyer dafür, dass die Menschen zueinander Distanz halten sollten, wozu wir derzeit unter dem drohenden Vorzeichen einer „neuen Normalität“ genötigt werden. Nein, dieser Mathematiker und Philosoph war ein kluger Kopf. „Menschliches, Allzumenschliches“ (um einen späteren Kollegen von ihm zu zitieren) war ihm nicht fremd. Gesundheitlich jedoch war Pascal nicht so auf der Höhe. Zu verreisen, das wäre ihm kaum in den Sinn gekommen. Zumal in so einem heißen Sommer …

Dieses Jahr ist es eigentlich wie immer, aber doch wiederum ganz anders. Die Rückreisewelle der Auslandsurlauber schlägt hohe Wogen. Sie wissen schon: Kilometerlange Staus auf den Autobahnen, entnervende Hektik auf den Flughäfen, schwitzendes Gedränge in den Eisenbahnzügen. Doch was ist das alles gegen die Anmutung, dass diese Reisenden diesmal bei der Heimreise mit Covid-19 jenes tückische Virus im Gepäck haben könnten, das noch vor einigen Wochen hierzulande für längere Zeit so vieles lahm legte. 

Nur wird die aktuelle Situation so drastisch dargestellt, als hätten die heimkehrenden Urlauber die vielbesungene Pest an Bord. Zehntausende vorgenommene Tests bei Rückkehrern an eilends eingerichteten Stationen an Autobahnen, auf Flug- und auf Bahnhöfen sorgten jedoch für keine besonders aufregenden Resultate, umso mehr aber für dicke Schlagzeilen.

Zum Beispiel das Corona-geplagte Bayern, unrühmlicher Spitzenreiter in der Infektionsbilanz. Ein ernüchterndes Fazit zog nicht nur die „FAZ“ für den Aktionismus der Süddeutschen: Corona-Test in vielen Fällen nutzlos. Nun, keiner ist unnütz, kann er doch zumindest als schlechtes Beispiel dienen. War das eventuell nur Lehrgeld, das in der ersten Augusthälfte gezahlt wurde? Wohl eher nicht. Noch Ende voriger Woche musste der „Spiegel“ konstatieren, dass es einen enormen Rückstau bei Corona-Tests in Deutschland gibt. Oder anders gesagt: Der Test mit den Tests wurde nicht bestanden. Auch die als gescheitert anzusehende Corona-App lässt da grüßen. 

Es wurden jetzt Überlegungen publik, verpflichtende Tests nach der Rückkehr aus Risikoländern nicht dauerhaft einzufordern. Dafür fehlt es einfach an Kapazitäten. Das hätte man vorher wissen können. Dafür sollen diese Reisenden gleich in die Quarantäne. Was an das Dilemma mit den Masken erinnert: Als es nicht genug von ihnen gab, wurden sie als gar nicht so wichtig eingestuft. Später wurde verfügt, sie unbedingt zu tragen. Inzwischen werden sogar Sanktionen angedroht. 

Doch zurück zu den Zahlen. Bis zur Kalenderwoche 32 erfolgten laut Robert Koch-Institut (RKI) und John Hopkins University insgesamt 9,32 Millionen Tests. Dieser Tage wird nun gern auf eine landesweite Zunahme der Infektionen verwiesen. Unerwähnt bleiben die nur zu rund einem (!) Prozent positiven Resultate. Das passt nicht in das Bild einer oft nur von selbsternannten Experten herbeifabulierten zweiten Corona-Welle, auf der es sich populistisch surfen lässt. Der Virologe Hendrik Streeck mahnt dagegen laut „FAZ“ zur Besonnenheit: „Wir dürfen nicht bei jedem Anstieg der Infektionen in Panik geraten“.

Wer jetzt gleich wieder das Pandemie-Gespenst an die Wand malt, erinnere sich bitte an die über 6200 Fälle Ende März. Obwohl damals wesentlich weniger getestet wurde. Der sogenannte R-Wert, also die Reproduktionszahl, einst beim Jonglieren mit den Corona-Zahlen das Maß aller Dinge, liegt derzeit bei 1 (am Montag 0,98 laut RKI, 0,97 für den 7-Tage-Turnus). Außerdem dürfte es sich herumgesprochen haben: Infiziert ist nicht gleich krank. 

Zumal die Risikogruppen bekannt sind und geschützt werden können. Das sollte man zumindest meinen. Der Altersdurchschnitt der verstorbenen Fälle liegt bei 81 Jahren (Quelle: RKI 20.8.). Laut der „ZEIT“ sieht es aber nach wie vor besonders kritisch bei den Alten- und Pflegeheimen aus. Die Wochenzeitung (Ausgabe vom 22. August) beruft sich dabei auf Angaben des Robert Koch-Instituts: „Dort findet auch die größte Übertragung statt: Durchschnittlich steckten sich bei solchen Ausbrüchen 19 weitere Menschen an. In Heimen für Geflüchtete wurden sogar durchschnittlich 21 Fälle pro Ausbruch registriert.“ Prädikat für das staatliche Gesundheitsmanagement: Durchgefallen!

Sarkastisch ließe sich an dieser Stelle anmerken: Aber beim tagtäglichen Einkauf bitte stets die Maske tragen! Das ist die Ultima Ratio des Bundesgesundheitsministers und seiner Gefolgschaft. 

Gestorben wird allerdings immer; aufschlussreich ist dabei eine Sonderauswertung der Sterbezahlen des Jahres 2020 aus dem Statistischen Bundesamt. Hier nur ein Zitat: „Ab der 19. Kalenderwoche (4. bis 10. Mai) lagen die Sterbefallzahlen nach der vorläufigen Auszählung bis einschließlich der Daten für die 29. Kalenderwoche (13. bis 19. Juli) wieder im Bereich des Durchschnitts der Vorjahre oder schwankten darum. Für die 30. Kalenderwoche (20. bis 26. Juli) unterschreiten die aktuellen Sterbefallzahlen den Durchschnitt der Vorjahre etwas stärker.“

Auch der „WELT am Sonntag“-Herausgeber Stefan Aust interessierte sich für diese Statistik: „Da gab es im Vergleich der vergangenen fünf Jahre nur im April (2020) etwa 5000 Todesfälle mehr als sonst. Aber auch im März 2018 war die Zahl mal deutlich höher mit 20 000 zusätzlichen Sterbefällen. Grund war die gemeine Grippe.“ Fast schon süffisant sagt er in diesem Interview: „Ich bekomme den Eindruck, dass in den Behörden das Nichtwissen oder auch das Nichtwissen-Wollen sehr ausgeprägt ist.“ 

Im Radio und Fernsehen hört und sieht man davon fast nichts. In den Zeitungen liest man es meist anderes oder muss es im Kleingedruckten suchen. Widersprüchliches sorgt zudem für Verwirrung. Dafür nur ein Beispiel aus der „Sächsischen Zeitung“: „Kein Bußgeld für sächsische Masken-Muffel“ hieß es am 5. August, dann aber „Bußgeldkatalog für Maskenverweigerer“ am 18. August.

Stößt dieses politisch rückgratlose Hin und Her der Staatskanzlei den SZ-Kollegen nicht auf? Zumindest ein Kommentar von Gunnar Saft am 19. August auf der Titelseite lässt das vermuten: „Masken-Bußgeld als Beruhigungspille“. Lesen Sie bitte den hier verlinkten Text. Dessen Resümee lautet: „Was ist in Pandemie-Zeiten tatsächlich nötig, und was sind politische Winkelzüge? Eine Frage, die so nie hätte aufkommen dürfen.“

Eine Frage, die allerdings schon viel länger und von sehr vielen gestellt wird. Auch am 29. August bei der nächsten Corona-Großdemo in Berlin wird das wieder so sein. Es kann nicht schaden, sich über deren Anliegen vorurteilsfrei zu informieren. Um hier nochmal Blaise Pascal zu bemühen: „Man lässt sich gewöhnlich lieber durch Gründe überzeugen, die man selbst gefunden hat, als durch solche, die andern zu Sinn gekommen sind.“

Hans-Georg Prause

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