Weihnachten und Weltenende

Ach, sie stimmen nicht mehr, die alten Lieder. Von wegen „Am 30. Mai ist der Weltuntergang …“, wie Kurt Adolf Thelen und das Golgowski-Quartett sangen. Wobei die Herren bei...

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Ach, sie stimmen nicht mehr, die alten Lieder. Von wegen „Am 30. Mai ist der Weltuntergang …“, wie Kurt Adolf Thelen und das Golgowski-Quartett sangen. Wobei die Herren bei den Tonaufnahmen erstaunlich gut gelaunt waren. Vielleicht ahnten sie, dass dieser Titel mal ein Evergreen werden würde. Außerdem gab es bei dieser musikalischen Prophezeiung einen kleinen Trick: Der Text kam ohne Angabe einer Jahreszahl aus.

Prognosen sind schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Über dieses geflügelte Wort setzen sich Propheten aller Couleur gern hinweg. Die jüngste internationale Konferenz in Madrid soll bereits eine Art Klima-Katastrophe gewesen sein; sie war mit Teilnehmern aus fast 200 Staaten wahrlich ein Gipfel, aber eben nicht einer des Erfolges. Sich für die Rettung der Welt einzusetzen, ist durchaus verdienstvoll; nicht wenige wollen daran aber zugleich gut verdienen. Emissionszertifikate sind nichts anderes als ein moderner Ablasshandel. 

Apokalyptische Szenarien haben in gewissen zeitlichen Abständen immer mal wieder Konjunktur. Oft gerade dann, wenn es weltweit alles in allem nicht so gut läuft. Ein Zufall? Und sie alle haben eines gemeinsam: Nichts Genaues weiß man nicht. Da gibt es Pro, da gibt es Kontra. Da gibt es insbesondere aber gesellschaftliche und politische Interessen. Wenn hierzulande im Bundesrat ein sogenanntes Klimapaket präsentiert wird, nur damit es der mit dem Bundestag vermittelnde Ausschuss wieder aufschnürt und andere Inhalte darin verpackt, dann war das den einen sehr lieb und wird für die anderen sehr teuer. Vor Weihnachten ist das keine schöne Bescherung.

Um keine Ausrede verlegen ist die Politik, wenn es darum geht, den Bürgern zu erklären, warum sie künftig noch heftiger zur Kasse gebeten werden. (Deutschland ist bei Steuern laut OECD bereits Weltspitze.) Selbst das biblische Weltenende in Gestalt eines extremen Klimawandels an die Wand zu malen, ist als Argument nicht zu schade. Gern beruft man sich dabei auf die Wissenschaft, auf deren Modelle und Simulationen. Die aber gar nicht so eindeutig sind, wie man es gern hätte. Es sind mögliche Szenarien, nicht mehr und nicht weniger. Doch es reicht für Schlagzeilen; das Kleingedruckte wird gern übersehen.  

Einst waren sich ja die Gelehrten lange Zeit auch darüber einig, dass die Erde eine flache Scheibe sei. Alles andere war Ketzerei – bis man es besser wusste. Und war nicht der Marxismus für ein halbes Jahrhundert in einem Sechstel der Welt (und mehr) laut W. I. Lenin (1913) „allmächtig, weil er wahr ist“? Das wollte man nur zu gern glauben und versuchte, es wissenschaftlich zu belegen.  

Doch die Theorie träumt, die Praxis belehrt. Das wusste bereits der Schriftsteller Karl von Holtei (1798 – 1880). Während sich die Deutschen im Bemühen um eine Klimaneutralität kasteien und rigoros auf regenerative Energien setzen, kommen in Polen rund 80 Prozent der Energie aus Kohlekraftwerken und beträgt in Frankreich der Anteil des Atomstroms fast 72 Prozent. Das sind keine „alternativen Fakten“, sondern Zahlen aus dem Morning Briefing  des Journalisten und Medienmanagers Gabor Steingart am 17. Dezember, das sich u.a. mit dem „Green Deal“ der EU befasste. Empfehlung: Unbedingt lesenswert!

Doch schauen wir mal rein ins deutsche Klimapaket. Dieses enthielt zuerst einen künftigen CO2-Preis von 10 Euro pro Tonne als Einstiegspreis. Innerhalb weniger Tage wurden daraus 25 Euro. Was das bedeutet? Recht gut erklärt wird es in einem Artikel bei ZEIT online: „Das kostet der CO2 Kompromiss den Verbraucher“. Benzin wird demnach um rund 10 Cent pro Liter teurer, bei Diesel dürften es acht Cent werden. Vorerst! Denn bei diesem CO2-Preis bleibt es nicht. Auch für das Heizen mit Öl muss künftig mehr bezahlt werden. Der Strom soll durch eine Minderung der EEG-Umlage etwas billiger werden. Allerdings ist der Strompreis einer der höchsten in Europa und wird gerade von sehr vielen Anbietern (vielleicht vorausschauend) weiter erhöht.

Aber wo bleibt das Positive? Das wurde einst der Dresdner Dichter Erich Kästner gefragt. Dieser antwortet etwas ratlos: „Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“ Mit Blick auf das Klimapaket wird stets darauf verwiesen, dass das Fahren mit der Deutschen Bahn preiswerter werden soll. Ein verringerter Mehrwertsteuersatz gilt jedoch nur für den Fernverkehr. Und dann ist da die Kilometerpauschale für Berufsfernpendler (ab 21 km). Diese wird dem Vernehmen nach erhöht. Allerdings erst ab 2024, während die CO2-Abgabe schon ab 2021 fällig sein wird. Zudem bevorzugt diese Regelung letztlich die Besserverdienenden.

Wie singt Ulrich Roski in seinem Lied vom kleinen Mann“ so treffend: „Es ist schwer zu versteh’n, doch es trifft immer den / Der am wenigsten Schuld hat am ganzen Gescheh’n / Jeder hält sich aus den Dingen raus so gut wie er kann / Denn der Dumme ist am Ende stets der kleine Mann.“

Das wäre für diese Kolumne ein guter Schluss. Doch so viel Pessimismus vor Weihnachten, ach nein! Statt über Welt(phantom)schmerz und Untergangsphantasien zu lamentieren, sei hier Franz Grillparzer zitiert: „Eine frohe Hoffnung ist mehr wert als zehn trockene Wirklichkeiten.“ Und wem das eventuell zu verkopft ist, der erfreue sich an den Festtage nach der deftigen Devise: Ente gut, alles gut!

Hans-Georg Prause

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