Der Mayster am Marterpfahl

Indianer kennen keinen Schmerz! Was nicht wörtlich zu nehmen ist. Aber es tut sehr weh, wenn man dieser Tage lesen muss, dass die Karl-May-Festspiele in Deutschland nicht mehr...

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Indianer kennen keinen Schmerz! Was nicht wörtlich zu nehmen ist. Aber es tut sehr weh, wenn man dieser Tage lesen muss, dass die Karl-May-Festspiele in Deutschland nicht mehr zeitgemäß sind. Sie würden ein klischeehaftes Bild von Indianern fördern. Dieser Meinung ist jedenfalls Mita Banerjee, Professorin für Amerikanistik am Obama Institut for Transnational American Studies in Mainz. Zeitlich passend zum Auftakt der Freilichtsaison und dank der Nachrichtenagentur dpa in Umlauf gebracht, reicht ihre Wortmeldung aus, um das Kriegsbeil der politischen Korrektheit auszugraben. Das Sommerloch lässt grüßen! Oder steckt etwa mehr dahinter?

Bundesweit gibt es einige Spielstätten, die das Lebenswerk des Maysters pflegen. Vor allem Bad Segeberg hoch im Norden und das sauerländische Elspe-Festival sind weithin bekannt, ebenso die Inszenierungen auf der Rathener Felsenbühne in der Sächsischen Schweiz. „Deutschlands kleinste Karl-May-Spiele mit den jüngsten Darstellern“ finden in Bischofswerda auf der Waldbühne statt. In diesem Jahr wird dort „Der Sohn des Bärenjägers“ gegeben, also eine Inszenierung der ersten Erzählung aus dem Band „Unter Geiern“. Die Mitwirkenden „im Alter von zwei bis 80 Jahren“ werden mit großer Spielfreude bei der Sache sein und alle Besucher der Vorstellungen (noch bis 7. Juli) dürften sich dabei bestens unterhalten fühlen. Und das trotz des Vorwurfes von Professorin Mita Banerjee, „die Vielfalt indianischer Kulturen finde keine Berücksichtigung“.

Dabei gibt es mit Anne Slenczka, Amerika-Referentin im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, jemanden, der das Diktum der Mainzer Professorin nicht gänzlich als Einzelmeinung dastehen lässt. Auch ihr fehlt – laut „Kieler Nachrichten“ vom 17. Juni – bei Karl May die Stimme der „Native Americans“, wie die „Indianer“ in den USA und in Kanada meist genannt werden. Sie plädiert dafür, den Begriff „Indianer“ ebenso zu streichen wie das Wort „Rothaut“. Es sei ja keineswegs so, dass die Ureinwohner Amerikas eine rote Hautfarbe gehabt hätten. Vielmehr hätten sie sich zu bestimmten Anlässen das Gesicht bemalt – manchmal in Rot.

Karl May steht also am medialen Marterpfahl. Ute Thienel, Geschäftsführerin der Bad Segeberger Festspiele, bewahrt jedoch die Haltung ob solcher Absurditäten und bringt in es in dem Beitrag der „KN“ ganz sachlich auf den Punkt: „Der Forderung von Professorin Banerjee liegt ein Missverständnis zugrunde. Die Karl-May-Spiele erheben überhaupt nicht den Anspruch, die Realität im Nordamerika des 19. Jahrhunderts darzustellen. Wir bringen die Traumwelt des Schriftstellers Karl May auf die Bühne.“ Auch für Christian Wacker, den ebenfalls im Artikel zitierten Direktor des Karl-May-Museums Radebeul, ist es klar: „Karl May ist Fiktion.“ Zumal bekannt sein dürfte, dass bereits seit einigen Jahren zu den alljährlichen dort stattfindenden Karl-May-Festtagen die Darbietungen von „richtigen“ Indianern, pardon: Native Americans, gehören. Das sei‘s getrommelt und gepfiffen!  

Ist das alles auch Irrsinn, so hat es vielleicht Methode. Wie war das doch vor einigen Monaten? „Eine Hamburger Kita hat ihren Kindern das Tragen von Indianer-Kostümen beim Fasching verboten. Der Grund: Die bunte Verkleidung sei diskriminierend.“ So stand es am 5. März im „Nordkurier“ unter der Dachzeile „Korrekter Karneval“. Man achte im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung, hieß es in einem Schreiben an die Eltern. Es gehe insbesondere um Aspekte wie Geschlecht, ethnische Herkunft und Kultur. Seitens des Kindergartens verwies man auf eine mehrseitige Info (01/2016) der Berliner Beratungsstelle „KiDs – Kinder vor Diskriminierung schützen“, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wird.

Alles nur Einzelfälle von Übereifer? Bereits 2016 wusste die Zeitschrift „Baby und Familie“ in Sachen Kindergarten-Alltag mitzuteilen: „Gehören die Eltern bestimmten rechten Organisationen an, fallen deren Töchter zum Beispiel durch akkurat geflochtene Zöpfe und lange Röcke auf. Auch die Söhne sehen oft sehr traditionell aus …“ Das war damals ein Tipp einer im Text ungenannt bleibenden „Leiterin einer Fachstelle Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung. Ende August 2018 fragte dann die „WELT“ als immerhin renommierte Tageszeitung, ob denn Blond die Haarfarbe der Neuen Rechten sei. Und nach einer klassischen „Wilhelm Tell“-Aufführung im September 2018 auf der Bischofswerdaer Waldbühne war mit Blick auf Artikel u.a. in der „Sächsischen Zeitung“ deshalb eine Kolumne des „Bautzener Boten“ etwas sarkastisch überschrieben mit „Vor blonden Zöpfen und langen Kleidern wird gewarnt“.

Oder ist so ein biederes Gewand inzwischen gar nicht mehr zu „völkisch“? Auf dem am Sonntag beendeten Evangelischen Kirchentag meinte kürzlich die Soziologin Barbara Kuchler bei einer Podiumsdiskussion, dass Frauen mitverantwortlich seien, wenn sie belästigt würden. Wenn diese sich schminkten, die Augenbrauen zupften und enge Kleidung trugen, müssten sie sich nicht wundern, „wenn sie angesehen werden und es zu Grabschereien kommt“, sagte die Wissenschaftlerin von der Universität Bielefeld. (WELT online vom 21. Juni). Die Verantwortung von Übergriffigkeit liege „teilweise bei der einzelnen Frau“, so jedenfalls Frau Kuchler. Mit dieser Meinung verdrängte sie sogar einen bis dahin in der Rubrik „Spott und Scham“ ganz weit vorn liegenden Kirchentag-Workshop „Vulven malen“ aus der öffentlichen Diskussion.

Aber nun noch mal zurück nach Bad Segeberg zur Spielstätte am Kalkberg und diesmal zu den „Lübecker Nachrichten“. In dieser Zeitung war der eingangs erwähnte Beitrag auch erschienen. Danach wollte die Redaktion online von ihren Lesern wissen, wie sie denn zu der Kritik an den Karl-May-Spielen stehen. Das Resultat war eindeutig: 2388 Stimmen gab es für die Einordnung als reine Fantasy, die wenig bis nichts mit der Realität zu tun haben muss, nur 140 bekam der Vorwurf, die indigenen Völker Amerikas würden dadurch beleidigt. Der Leser hat also gesprochen, howgh!       

Hans-Georg Prause

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