Der spektakuläre Raub des Sophienschatzes aus dem Dresdner Stadtmuseum

Es war der 20. September 1977, mittags um ein Uhr, am helllichten Tag. Ein Gästeführer führte im Stadtmuseum Dresden eine russische Reisegruppe durch die Räume und wollte ihnen...

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Es war der 20. September 1977, mittags um ein Uhr, am helllichten Tag. Ein Gästeführer führte im Stadtmuseum Dresden eine russische Reisegruppe durch die Räume und wollte ihnen den berühmten Sophienschatz präsentieren. An der Vitrine angelangt, stellte der Mann erschrocken das Fehlen der Kostbarkeiten fest. Die gesicherte Vitrine war leer – ausgeraubt – entwendet die Schätze aus der 1602 geweihten Sophienkirche – goldene Ringe, Ketten, Knöpfe – alle mit wertvollen Edelsteinen versehen.

Der Gästeführer informierte unverzüglich die Polizei. Diese fragte nach dem Wert der Gegenstände.

„Eine halbe Million vielleicht!“ sagte aufgeregt die Stimme, „kommen Sie sofort!“

Am Ende der Telefonleitung herrschte sekundenlanges Schweigen, dann folgte die Antwort: „Wir müssen die Berliner Zentrale informieren“. Kurz darauf kam Bewegung in die Sache. Die Polizei sicherte Finger – und Faserspuren, denn die Räuber hatten 57 Schmuckstücke des Goldschatzes entwendet, einfach so während der Öffnungszeiten.

In der Folge wurden 758 Personen erfasst – Besucher, Handwerker, Mitarbeiter. Niemand hatte Verdächtige gesehen, besonderes Augenmerk galt zunächst dem Pförtner, der vor vier Monitoren das Geschehen im Museum zu beobachten hatte. Der Wachmann war ausgerechnet an diesem Tag anderweitig eingesetzt. Der damalige Chefermittler stellte fest: „ Die Kameraüberwachung war außer Betrieb, eine Kamera, direkt auf die Schmuckvitrine eingestellt, wurde in eine andere Richtung verrückt, Fingerabdrücke waren nicht verwertbar. Ermittler knackten mit einem einfachen Klappmesser die Vitrine, der Raub währte 15 Sekunden. “

In der Polizeidirektion Dresden, dem gegenüberliegenden Gebäude, hatte ebenfalls kein Mitarbeiter verdächtige Personen und Fahrzeuge entdeckt. Ein Polizeibeamter nutzte die Pause mit einem Blick aus dem Fenster. Doch seine Angaben über eine spazierende rundliche Person brachten nicht einmal ein ordentliches Phantombild zustande, Die Ermittler wurden einfach nicht fündig, auch wenn zwölf Personen ins Visier gerieten. Insgesamt verhörten die Kriminalisten und die Staatssicherheit 3400 Personen im In – und Ausland. Alle 72 Hinweise blieben erfolglos und kein einziger Tipp fand konkrete Verwendung. Trotz der zahlreichen Vernehmungen blieb der Fall unter der Bevölkerung ziemlich unbekannt. Zu einer Besonderheit gehörte die Information in der Presse, in der man die Bürger um Mithilfe bat. Spekulationen verschiedenster Art machten die Runde, doch sensationelle Artikel in den Medien kamen nicht zum Abdruck. Trotzdem begann die größte Fahndungsaktion in der DDR – Kriminalgeschichte. Der sozialistische Staat arbeitete sogar mit dem englischen Scotland Yard zusammen.

1986 tauchte in einem englischen Katalog eine goldene Münze auf – die erste Kostbarkeit aus dem umfangreichen Sophienschatz. Alle anderen Schätze blieben im Verborgenen.

Erst 1999, nunmehr im wiedervereinten Deutschland, kam etwas Licht in den spektakulären und verwirrenden Fall. Ein Münzhändler aus München war auf einer Messe in Hongkong mit zwei Juwelieren aus Oslo ins Gespräch gekommen. Der Bayer wurde von den Norwegern über den Verkauf von Schmuckgegenständen aus der DDR befragt. Letztendlich nahm der profunde Sachverständige die vorhandenen 38 Exemplare in Augenschein und stellte ein Sammelsurium aus verschiedenen Zeitepochen fest, einen typischen Familienbesitz. Er entdeckte sächsische Wappen und nahm Verbindung mit den Direktoren des Dresdner Münzkabinetts und des Stadtmuseums auf.

„Eindeutig, das sind Stücke aus unserem Museum“ wusste Direktor Matz Griebel und schaltete die Kriminalpolizei ein. Die weiteren Ermittlungen verliefen streng geheim. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass der Schmuck aus den Wettiner Gruften der Sophienkirche stammte und wohlhabenden Adligen und Bürgern gehörte. Die ersten Prunkstücke wurden 1910 bei Bauarbeiten, 1964 beim Abriss des gotischen Kirchenbaus weitere Kostbarkeiten entdeckt, insgesamt 57 Stücke, also der Sophienschatz. Bis zu diesem Raub wurde der goldene Schatz im Stadtmuseum präsentiert.

Nun waren mehrere Exemplare in der Kunstgalerie Oslo auf ungeklärte Weise gelandet. Das Osloer Gericht entschied die Rückgabe, über die Rückkaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart. Dem Besitzer der Schätze konnte nicht der bösgläubige Erwerb nachgewiesen werden. Eindeutige Beweise über das Verschwinden und Auftauchen des einzigartigen Kulturgutes blieben dennoch ein Rätsel, ebenso der Verbleib der übrigen Schätze. Die „Bild“ spekulierte: „Mielke ließ den Sophienschatz klauen .“

Wieder kursierten unbestätigte und merkwürdige Legenden und Verdächtigungen. 2008 wurde erstmals beim ZDF in „Terra X – Geheimakte Sophienschatz“ öffentlich über den Kunstraub berichtet, später dokumentierte der Fernsehsender Phönix den mysteriösen Raub und das MDR – Fernsehen zeigte die Reportage „Diebstahl vor aller Augen“.

Die jeweiligen Autoren stießen bei den Recherchen zwar immer wieder auf neue Aspekte und widersprüchliche Darstellungen. Die Suche nach den Kostbarkeiten ging weiter und 2017 kehrte ein Teil der großen Bogenschützenkette zurück. Noch fehlen wichtige Kunstschätze aus der Dresdner Sammlung, darunter eine goldene Schützen – und eine Königskette aus 1,3 Kilogramm purem Gold. Der Wert des Schatzes wird nunmehr auf über 2,5 Millionen Euro geschätzt. 40 Kunstschätze sind wieder im Stadtmuseum Dresden zu bewundern, 16 Schmuckstücke fehlen immer noch. Die Räuber wurden bis heute nicht gefasst.

Dietmar Sehn

Auszug aus dem Buch „Kriminelles aus Sachsen“ – Tauchaer Verlag, ISBN 978-3-89772-300-9 erhältlich u.a.Thalia – Buchhandlung Bautzen

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