Eine Alternative für die Zukunft?

Na gut, diese Überschrift ist zweideutig. Es war die Alternative für Deutschland, die zu diesem Vortrag in das Hotel „Residence“ in Bautzen eingeladen hatte. Und es sprach Dr....

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Na gut, diese Überschrift ist zweideutig. Es war die Alternative für Deutschland, die zu diesem Vortrag in das Hotel „Residence“ in Bautzen eingeladen hatte. Und es sprach Dr. Götz Ruprecht vom Institut für Festkörper-Kernphysik Berlin über Alternativen bei der Nutzung von Kernkraft. Wie kalauerte doch mal Klaus Klages: „Die Meinung über den Atomstrom ist gespalten.“ Die über die AfD ebenso. Kurz: Es passt!

„Deutschland mache sich ‚lächerlich‘, wenn es sich dadurch ein ‚gutes Gewissen‘ machen wolle, dass Atom- und Kohlekraftwerke stillgelegt würden und gleichzeitig Strom, der aus denselben Energieträgern erzeugt worden sei, aus den Nachbarländern importiert werde.“ Das hat aber nicht Dr. Ruprecht gesagt. Der Satz ist nachzulesen in einem Artikel der FAZ von Mai 2008; das Zitat bezieht sich auf eine Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim damaligen Katholikentag. Wenige Jahre Berliner Politik und einen Tsunami in Fernost später beschloss eine von ihr geführte Regierung den Atomausstieg. Mit ihren eigenen Worten: Deutschland machte sich also lächerlich.

Hier ein weiterer Merkel-Abschnitt aus diesem FAZ-Beitrag: „Im Blick auf die Debatte in Deutschland über Klimaschutz und Energiesicherheit sagte die Bundeskanzlerin unter dem Beifall eines beträchtlichen Teil des Publikums, sie halte es für ‚nicht sinnvoll‘, dass ausgerechnet das Land mit den sichersten Atomkraftwerken die friedliche Nutzung der Atomenergie einstelle. Auch den Protest gegen den Neubau von Kohlekraftwerken hielt die Bundeskanzlerin für kontraproduktiv. Es sei vielmehr sinnvoll, alte durch neue Kohlekraftwerke mit höheren Wirkungsgraden zu ersetzen und so einen ‚geordneten Umstieg‘ zu schaffen.“

Nun, Frau Merkel hatte sehr bald vergessen, was für sie damals „alternativlos“ war – ihr ganz persönliches Lieblingswort jener Zeit und „Unwort 2010“. Aber eventuell ein Ausstieg vom Ausstieg? Nein, sogar die großen Energieversorger wollen keine Verlängerung der Laufzeiten ihrer Kernkraftwerke. Schlagzeile des „Tagesspiegels“: „Die Nutzung der Kernenergie hat sich erledigt“. Erst Anfang dieses Jahres wurde die CDU plötzlich laut WELT munter und zeigte sich „offen für die Rückkehr zur Atomkraft“. Doch das Positionspapier dürfte längst in irgendeiner Schublade verschwunden sein. 

Also wieder „alternativlos“? Nein, es gibt Wissenschaftler, die vorausschauender sind als jene Leute, die im Kanzleramt und in den Parteizentralen sitzen. Womit wir wieder bei Dr. Ruprecht wären. Er stellte bei seinem Vortrag eine neue Generation von Kraftwerken in Wort und Grafik vor, insbesondere den Dual Fluid Reaktor aus seinem Institut. (Wer mehr darüber wissen möchte, rufe den Vortrag „Kernenergie des 21. Jahrhunderts“ auf.)

Bislang sind das noch Pläne und Projekte; Patente wurden jedoch bereits erworben und Doktorarbeiten dazu werden geschrieben. Es dürfte aber Jahrzehnte dauern, bis etwas davon in der Praxis zum Tragen kommen kann. Ein DFR-Pilotprojekt könnte in gut zehn Jahren laufen, so Dr. Ruprecht. Doch nur, wenn sich jemand findet, der das alles finanziert.

Bei uns gibt es leider keinen Sponsoren wie Bill Gates, Elon Musk oder ähnliche Macher mit Milliarden auf dem Konto. Aber der deutsche Staat? Der ist z.B. gerade dabei, mit Frankreich und Spanien sehr, sehr viel Geld für ein neues Kampfflugzeug auszugeben (Future Combat Air System: acht Milliarden Euro Entwicklung, 100 Milliarden Euro Beschaffung und Betrieb / Quelle: Gabor Steingart Morning Briefing, 06.03.20). Startklar soll es 2040 sein! Vielleicht wird es ja „die teuerste Militärruine“ (Steingart) – „direkt aus der Fabrik ins Luftfahrtmuseum“.

Mit solchen Summen forschen und wirtschaften zu können, davon träumen Dr. Ruprecht und seine Mitstreiter. Das kann zu Alpträumen werden in einem kleinen Land, das sich in den Gedanken verrannt hat, die große weite Welt vor dem Klimawandel zu retten. Allein das Ausmaß der Borniertheit ist dabei beachtlich.

Selbst der vom Fernsehen her bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar brachte es fertig, in einem Interview mit „Der Standard“, einer in Wien erscheinenden Tageszeitung, die Idee des Dual Fluid Reaktors brüsk abzutun: „Das ist totaler Fake …“ Eine Begründung dafür? Fehlanzeige! Dabei soll der Mann laut Wikipedia doch Physiker sein. Aber Haltung hat er gezeigt. Das Lob ist ihm sicher. 

Nach dem Vortrag von Dr. Götz Ruprecht wurden vor allem Fragen gestellt, aus denen das blanke Unverständnis über die aktuelle Umwelt- und Energiepolitik sprach. Bei der CO2-Reduktion stehen z.B. Frankreich (siehe Fessenheim) und Großbritannien („Der Brexit gefährdet die Klimaziele der EU“) weitaus besser da. Nicht zuletzt dank ihrer Kernkraftwerke. Und in Deutschland? „Die Gefahr eines Blackouts ist da“. So warnt Uniper-Vorstandschef Schierenbeck in einem WELT-Interview.  

Ganz aktuell ist ein Filmbericht beim ZDF (06.03.): „Finnland baut neues AKW“. Das ist überhaupt kein Aufreger für die dortige Bevölkerung. An einem großen Atommüllendlager nehmen die Menschen auch keinen Anstoß. 

„Wir leben in einer Gesellschaft, die hochgradig von Technologie abhängig ist, in der aber kaum jemand etwas von Technologie versteht.“ (Carl Sagan, 1934 – 1996). Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Denn um mit Jean Paul Sartre zu schließen: „Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht.“ 

Hans-Georg Prause

Foto: Pixabay

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