Nicht länger auf dem linken Auge blind

Sie haben es wieder getan. Schon wieder. Frühmorgens gegen 2 Uhr brannten am vorigen Freitag in Dresden auf der Holzhofgasse mehrere Autos. Ein Vermessungsfahrzeug der Baufirma Hentschke aus...

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Sie haben es wieder getan. Schon wieder. Frühmorgens gegen 2 Uhr brannten am vorigen Freitag in Dresden auf der Holzhofgasse mehrere Autos. Ein Vermessungsfahrzeug der Baufirma Hentschke aus Bautzen war das Zielobjekt des Anschlages. Und es war nicht das erste Mal.

Begonnen hatte das alles bereits im August. Damals gab es eine schwere Brandstiftung auf einer Baustelle dieses Unternehmens in Zwickau. Mehrere Bagger wurden teils schwer beschädigt. Solches Großgerät zündet man nicht nur mal so nebenbei an. Das roch doch stark nach einem extremistischen Anschlag. Die Aufregung hielt sich aber in Grenzen. Damals jedenfalls noch.

Vor gut zehn Tagen bekam in Bautzen ein Seminar zum Thema „Demokratie und Extremismus“ mit Thomas Weigel vom sächsischen Verfassungsschutz und Sven Forkert vom Landespräventionsrat eine ungeahnte Aktualität. Zwei Tage zuvor hatte es zu nächtlicher Stunde erneut einen Brandanschlag bei Hentschke Bau gegeben. Diesmal aber am Stammsitz in der Spreestadt, also nicht auf einer auswärtigen Baustelle. Fast zeitgleich traf es im Vogtland eine Partnerfirma der Bautzener. Ein Zufall ist wohl ausgeschlossen.

Linksextremismus – ein neuer „Brenn“punkt in Sachsen? Für den Verfassungsschutz komme diese Entwicklung nicht überraschend, erklärte Thomas Weigel. Das sei kein neuer Trend und stehe unter Beobachtung. Neu sei eher, dass es solche Straftaten nun auch in der Oberlausitz gibt. Er versicherte, der Dienst nähme alle Bereiche gleichermaßen ernst, also den Rechts- wie den Linksextremismus und ebenso extreme islamistische Strömungen. Also nicht länger auf dem linken Auge blind? (Die Veranstaltung „Demokratie und Extremismus“ in Bautzen wurde am 7. November live von Ostsachsen TV auf mehreren Kanälen im Internet übertragen und ist komplett auf YouTube unter „Bautzener Stadtgeflüster“ zu finden.)

In sogenannten Bekennerschreiben wurde von den ohne Frage politisch motivierten Tätern zwar stets darauf verwiesen, dass sich diese Aktionen gegen den Bau eines neuen Gefängnisses gerichtet haben, aber es fehlte auch nicht der Hinweis darauf, dass Jörg Drews, der Geschäftsführer und Mitgesellschafter von Hentschke Bau, doch ein Unterstützer der AfD sei. Als würde das solche Anschläge rechtfertigen.

So ein „selbst schuld“ ist auch in dem Artikel „Die Firma, bei der die Baumaschinen brennen auf der Sachsen-Seite der „SZ“ (7.11.) zwischen den Zeilen herauszulesen. Bereits in der Überschrift wird signalisiert: „Der Chef der Firma ist nicht unumstritten“.

Ja, der Schaden durch den Brand sei beträchtlich (rd. 300 000 Euro), aber das Unternehmen doch bestimmt gut versichert. Also alles halb so schlimm? Und Drews sei nun mal ein „andererseits Hassobjekt für Linksradikale“. Der Autor schafft es auch, den Begriff „Brücken-Aldi“ im Text unterzubringen, dessen man sich in linken Social Media-Kreisen gern bedient. Und den Hinweis, dass Drews ein Multimillionär sein soll. Eine Neiddebatte als Argumentationshilfe? Dabei wird zugeben, dass dieser Unternehmer zu den großen Mäzenen in der Region gehört.

Der Hentschke-Chef und eine „verschwörungstheoretischen Szene“ – wie unsinnig. Erstaunlich, dass der dümmliche „Reichsbürger“-Vorwurf diesmal fehlte. Dafür muss der Verein „Bautzener Frieden“ ran. Der sei russlandfreundlich, wow! Und dann gab es 2017 eben jene Parteispende von 19 500 Euro für die AfD. Nur gehen diese Vorwürfe eben ins Leere. Letztlich muss der Schreiber konstatieren: „Seiner (also Drews) Beliebtheit indes tut all das keinen Abbruch.“ Warum soll es das auch?!

Zur Ehrenrettung der „SZ“ sei hier vermerkt, dass andere Artikel über die akuten Gefahren des Linksextremismus ausführlich und sachlich informieren. Das reicht von „Sachsen verschärft Vorgehen gegen Linksextremismus“ (7.11.) über „Kampfansage gegen Anschläge von Links“ (9./10.11.) bis „Täter wollen Angst und Schrecken verbreiten“ (15.11.). Wenig später ist zu lesen: „Wieder ein Brandanschlag auf Hentschke Bau“ (16./17.11.).

Wenigstens scheint sich die Politik in einem Punkte einig zu sein: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung“ (7.11.). Es folgte jedoch sofort ein „Ja, aber …“, als es um die von CDU-Ministern angestrengte Einsetzung einer Sonderkommission gegen Linksextremismus (kurz LinX) ging. Das sei einem „konstruktiven Miteinander“ nicht förderlich, so eine Einschätzung aus der Landtagsfraktion der Grünen. Man darf sich auf die Koalitionsgespräche von CDU, Grünen und SPD für die neue Regierung freuen …

Laut „SZ“ verurteilte auch Kerstin Köditz, Abgeordnete der Linken im Landtag, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung. Zitat: „Wer die Gesellschaft verändern will, muss Mehrheiten gewinnen.“ Steffen Grundmann, Fraktionschef dieser Partei im Bautzener Stadtrat, sieht das anders. Er twitterte nach den Anschlägen auf die Baufirma Hentschke: „Man wird von mir keine Rechtfertigung für die Brandstiftung hören. Aber diese Art der Anteilnahme … gab es bei wirklich tragischen Vorfällen, bei denen leider auch Menschen zu Schaden kamen, aus #Bautzen wohl eher selten.“

Nun, es ist bekannt, dass alles, was vor so einem „aber“ steht, oft nicht ganz aufrichtig gemeint ist. Im Englischen gibt es dafür eine drastische Redewendung: „Everything before the word ‚but‘ is always horseshit.“ Und der Rest des Tweets gehört in die Rubrik „Whataboutism“, also den Versuch des Ausweichens auf ein anderes Thema. Wobei es vielleicht leider nur eine Frage der Zeit sein könnte, wann bei solchen extremistischen Aktionen auch Menschen verletzt werden.

Bei dem Eingangs erwähnten Abfackeln des Fahrzeuges von Hentschke Bau in der Dresdner Neustadt wurden weitere Autos in Mitleidenschaft gezogen. Benzin war ausgelaufen … Nach den ersten Schätzungen des Landeskriminalamtes beträgt der dadurch entstandenen Sachschaden insgesamt rund 50 000 Euro. Geschädigt wurden also auch gänzlich unbeteiligte Bürger. Sind solche „Kollateralschäden“ von den selbstgerechten Tätern in ihre Überlegungen eigentlich mit eingepreist?

Tipp:  „Gewalt von Links – eine unterschätzte Gefahr“ ist das Thema einer sehenswerten Dokumentation des MDR.       

Hans-Georg Prause

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