Druschba-Fahrt, Doping-Farce und ein Dank an die ARD

Das war schon so etwas wie ein kleiner Kulturschock. Aber ganz anders, als erwartet. Während die Teilnehmer der Druschba-Freundschaftsfahrt 2018 nach Russland in den fast drei Wochen zuvor...

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Das war schon so etwas wie ein kleiner Kulturschock. Aber ganz anders, als erwartet. Während die Teilnehmer der Druschba-Freundschaftsfahrt 2018 nach Russland in den fast drei Wochen zuvor selbst im fernen Sibirien allerorten auf das Herzlichste und oft ganz traditionell mit Brot und Salz begrüßt worden waren, beendete am Tag der Rückkehr in Berlin unerwartet die plötzlich anrückende Polizei sehr energisch ein eigentlich vorab genehmigtes Heimkehr-Picknick der Russland-Fahrer auf den Grünflächen am Reichstagsgebäude. Und das, obwohl diese kleine Veranstaltung vom Organisator Dr. Rainer Rothfuß, dieses Jahr mit dem Bautzener Friedenspreis geehrt, ordnungsgemäß angemeldet worden war. Aber inmitten der Bundeshauptstadt im Zeichen der Verständigung des deutschen und des russischen Volkes einige Fahnen zu schwenken und gemeinsam Lieder zu singen, das war dann wohl doch zu viel des Guten.

„Der politische Alltag hatte uns zuhause also sehr schnell wieder eingeholt“, kommentiert André Giebelhäuser aus Bautzen etwas sarkastisch dieses unerwartete Ende einer Reise, die er im Jahr zuvor schon einmal unternommen hatte. „Damals wurde auch schon versucht, uns in den Medien zu diskreditieren. Ich erinnere nur an jenen ZAPP-Beitrag des NDR. Wir würden antiwestliche Propaganda betreiben, wie absurd ist das denn.“ Nachdem es im Vorjahr aus beruflichen Gründen nicht geklappt hatte, gehörte diesmal auch Ehefrau Bernadette zu den Teilnehmern der Druschba-Tour. Den letzten Ausschlag dafür gab bei ihr die Veranstaltung zur Eröffnung der Druschba-Fotoschau in der Volksbank in Bautzen mit einem anregenden Podiumsgespräch: „Und ich habe bei der Freundschaftsfahrt keinen einzigen dieser erlebnisreichen Tage bereut.“

Juri Schwede aus dem zwischen Bautzen und Kamenz gelegenen Piskowitz kann ihr da nur zustimmen. Gerade für ihn als Sorben war es beeindruckend, in russischen Regionen, welche rein geografisch gesehen bereits zum asiatischen Landesteil gehören, die Vielfalt nationaler Minderheiten zu erleben. Durch seine slawische Muttersprache hatte er es mit der Verständigung etwas einfacher als andere Druschba-Teilnehmer. „Ich habe mich dort zum Beispiel mit einem Ukrainer aus Kiew über die Bienenzucht ausgetauscht“, erzählt er schmunzelnd. Es sind vielleicht gerade diese kleinen Begebenheiten, an die man sich noch lange erinnern wird. Juri Schwede war mit den beiden Bautzenern bis Irkutsk geflogen und weiß nun auch, wie wunderschön der Baikalsee ist. Weitere Stationen ihrer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn waren dann Krasnojarsk und Novosibirsk, Tjumen und Kasan. „Bei einem Stadtfest in Kasan überraschte uns eine Kulturgruppe mit deutscher Volksmusik. Wir haben ganz spontan den Zuschauern eine Polka vorgetanzt.“

Ganz bewusst war die Druschba-Freundschaftsfahrt 2018 in die Zeit vor der Fußball-Weltmeisterschaft gelegt worden. Erst am Eröffnungstag dieser WM trafen sich alle Teilnehmer des Druschba-Freundschaftszuges wieder in Moskau. Die Eröffnung des Fussballfestes mit rund 80 000 Besuchern im Luschniki-Stadion erlebten sie als Übertragung auf der ach so „umstrittenen“ („Morgenmagazin“ von ARD und ZDF vom 15. Juni) Fan- und Party-Meile auf dem Gelände der Lomonossow-Universität. In seiner offiziellen Begrüßung sprach Staatschef Wladimir Putin davon, „vereint in der Liebe zum Fußball“ zu sein. Nicht wenige werden sich gefragt haben, warum es für ein friedliches Miteinander des Fußballs bedarf. Die Suche nach der Antwort sollte man nicht allein den Politikern überlassen. Und gleich gar nicht den Militärs. Den Journalisten vielleicht auch nicht. Jedenfalls manchen von ihnen nicht.

An jenem Tag, da sich die Teilnehmer der Druschba-Reise in der Metropole Moskau trafen, lief im deutschen Fernsehen zum Auftakt der Fußball-WM eine ARD-Sendung, die in der ersten halben Stunde zum Fremdschämen war. Da wurde an Russland kein gutes Haar gelassen. Nicht am Sport, nicht an der Politik, an Putin gleich gar nicht. Man fragte sich unwillkürlich: Leute, woher nur kommt dieser unterschwellige Hass? Die TV-Moderatoren Obdenhövel und Bommes werden sich in der Rolle der Miesepeter hoffentlich nicht wohlgefühlt haben. Sichtlich unwohl fühlten sich jedenfalls Hitzlsperger und Kuntz; als angeworbenen Experten dürften sie froh gewesen sein, schließlich und endlich doch noch über das reden zu können, wovon sie was verstehen und warum es eigentlich gehen sollte, nämlich Fußball.

Es war fast schon erstaunlich, dass bei so viel Russophobie nach dem 5:0-Sieg der WM-Gastgeber gegen Saudi-Arabien nicht sofort Hajo Seppelt als Doping-Experte vom Dienst à la „Brennpunkt“ zugeschaltet wurde. Denn der weiß natürlich ganz genau, dass der russische Fußball am Tropf des Staatsdopings hängt. Der bescheidene Rang 70 von Russland in der FIFA-Weltrangliste könnte schließlich nur ein ganz übler Trick von Putin sein. Seppelt hatte nun vor, in der Sache gern direkt bei der WM zu ermitteln, also investigativ und so, doch die Russen wollten ihn nicht einreisen lassen. Hatten sie vielleicht Angst vor ihm? Dann durfte er plötzlich doch noch, doch nun wollte er nicht mehr. Hatte Seppelt jetzt etwa Angst vor denen? Natürlich nicht. Aber um sein Wohl und Wehe waren (jedenfalls laut „Tagesspiegel“ vom 14. Juni) immerhin BKA und LKA, die ARD und sogar der Außenminister Heiko Maas persönlich besorgt. So wurde es jedenfalls dargestellt. Seppelt selbst äußerte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ am gleichen Tage die Befürchtung, er sei „offenbar für manche dort (in Russland / hgp) eine Art Staatsfeind“. Und es gäbe zudem ein Restrisiko, dass (Zitat) „selbstmotivierte Einzeltäter mich physisch attackieren“. Also zuhause bleiben. Mit einer neuen Enthüllungsstory wurde es nun zwar nichts, doch etwas Verschwörungstheorie verkauft sich auch ganz gut. Zudem muss man dafür nicht mal den Koffer packen. Und etwas wirklich beweisen gleich gar nicht. Die dann trotzdem pünktlich zum Ägypten-Spiel der Russen aus der untersten Schublade gekramte Kambolov-Story von 2015 reichte allerdings gerade mal so für die „Sportschau“.

Ein Mann wie Hajo Seppelt sah übrigens vielleicht sogar den 1:0-Sieg von Mexiko gegen Deutschland mit ganz anderen Augen. Die sind doch gelaufen wie aufgezogen! Und ausdauernd wie die Duracell-Häschen. Also auch dort Doping? Andererseits: Wieso spielten die Deutschen so lahm (entschuldige, Philipp!) und pomadig? Da wird doch nicht in deren Quartier der russische Geheimdienst FSB etwas auf die Türklinken geschmiert haben? Es ist schon witzig, dass in diesen WM-Tagen der „Eulenspiegel“ als das Leib- und Magenblatt für Humor und Satire ausgeknockte deutsche Fußballer auf dem Titelbild zeigt und – den Stil der Boulevard-Presse parodierend – fragt: „War es das Russengift?“ Nun, darüber sprechen nicht mal mehr die Briten. Vielleicht war es bei „der Mannschaft“ ja nur eine gewisse Dosis an Hochmut, der laut den Sprüchen des biblischen Salomo vor dem Fall kommt. Gegen die Schweden konnten sich die Deutschen dann bereits wieder etwas berappeln.

Doch zurück zum ersten Tag der Fußball-WM 2018 und den Druschba-Leuten in Moskau. Sie freuten sich mit tausenden Fußballfreunden aus aller Herren Länder, als auf der Großbildwand der Fan- und Partymeile das Banner mit dem Logo der Druschba-Aktion eingeblendet und vom Publikum mit viel Beifall bedacht wurde. Was sie nicht wussten, haben sie später noch erfahren:

Bei der in dieser Kolumne bereits erwähnten tagesthematischen ARD-Auftakt-Sendung wollte man nichts unversucht lassen und an „Putins WM“ möglichst kein gutes Stück. Deshalb wurde aus Moskau mit Udo Lielischkies extra der Leiter des dortigen Studios zugeschalten. Und während sich dieser alle Mühe gab, bei seinem Live-Auftritt bloß keine gute Stimmung zu verbreiten, spazierte hinter ihm fast die ganze Zeit über ein Teilnehmer der Druschba-Fahrt durch das  Fernsehbild und schwenkte vergnügt die weiß-blau-rote/schwarz-rot-goldene Druschba-Fahne mit der Friedenstaube. Derart aktuell, ganz ungekürzt und zudem vorurteilsfrei hatte bis dahin noch kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender über diese deutsch-russische Freundschaftsreise berichtet. Selbst wenn’s so auch nicht gedacht war: Vielen Dank, ARD!

Hans-Georg Prause

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