In der Schuldenfalle: Globalisierung läuft nicht rund

Was haben ein Vortrag in Bautzen, das Weltwirtschaftsforum in Davos und die globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam gemeinsam? Die Antwort: Nicht mehr und nicht weniger als das Thema...

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Was haben ein Vortrag in Bautzen, das Weltwirtschaftsforum in Davos und die globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam gemeinsam? Die Antwort: Nicht mehr und nicht weniger als das Thema Geld und Schulden. Auf Einladung der überparteilichen Initiative „Von Bürgern für Bürger“ sprach am vergangenen Mittwoch Prof. Bernd Senf  im Saal des Hotels „Residence“ über das globale Finanzsystem; er benannte dabei dessen Gewinner und Verlierer. In dem verschneiten Luftkurort in der Schweiz trafen sich zur gleichen Zeit hochrangige Politiker, Top-Manager der Wirtschaft und namhafte Banker zu einem Gipfel, um auch auf die Frage zu antworten, die am 16. Januar das Manager Magazin stellte: „Wie kaputt ist der globale Kapitalismus?“ Und passend dazu legte Oxfam einen aktuellen Bericht vor, der für Schlagzeilen und Diskussionen sorgte. Demnach besitzen acht (!) Multimilliardäre genauso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2017-01-16-8-maenner-besitzen-so-viel-aermere-haelfte-weltbevoelkerung).

Wie es zu einer solchen obszönen Verteilung von Vermögen in der Welt kommen kann, erläuterte Bernd Senf, der damit den „Nebel um das Geld“, so lautete das Motto der Veranstaltung, etwas lichten wollte. Problematisch sei  – insbesondere durch die ihm innewohnende Dynamik – das Zinssystem (der Zinseszins), das zu einem letztlich unbegrenzten Anwachsen der Geldmenge führt. Dem liegt eine einfache Formel zugrunde, die wir aus dem Mathe-Unterricht kennen. Nur sind daran nicht alle Menschen im gleichen Maße beteiligt. Sehr wenige haben sehr viel Geld und werden immer noch reicher. Womit die eingangs bereits angeführte Oxfam-Studie ins Spiel kommt. Die „Sächsische Zeitung“ entschied sich für eine sehr zurückhaltende Überschrift: „Soziale Ungleichheit nimmt weltweit zu“. Das kann man so sagen. Die Tatsache, „dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 50,8 Prozent des weltweiten Vermögens besitzt – und damit mehr als die restlichen 99 Prozent zusammen“, ist aber eigentlich ein echter Aufreger.

Wer dabei allein nach Übersee schaut, wo natürlich die größten Krösusse sitzen, sollte das Naheliegende nicht vergessen. Die „SZ“ schreibt, dass in Deutschland 36 Milliardäre so viel Vermögen besitzen (279 Milliarden Euro) wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung.“ (Im Vergleich dazu nehmen sich die in Deutschland erwirtschafteten 19 Milliarden Euro Haushaltsüberschuss wahrlich bescheiden aus.) Erwähnt wird in dem Artikel auch, Politiker von SPD, Grünen und Linken hätten sich empört über die Ergebnisse der Oxfam-Studie geäußert. Das mag ja in einem Wahljahr gut ankommen, wirft allerdings auch die Frage auf, ob diese Damen und Herren wirklich nicht wissen, dass da nicht erst seit gestern etwas falsch läuft. Oder wollte und will man es nicht wahrhaben? Viele Menschen in Deutschland leben von Hartz 4, von Mindestlöhnen, von geringen Renten, gehören zu den sogenannten Aufstockern, haben (mehrere) Minijobs, sind der Wirtschaft wohlfeil als Zeitarbeitskräfte.

Doch zurück zu den Ausführungen von Prof. Senf, der von 1973 bis 2009 an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin lehrte. Er dürfte übrigens nicht wenige der Zuhörer im bis auf den letzten Platz gefüllten Vortragssaal damit überrascht haben, vor zwei großen Tafeln zu agieren und seine Schaubilder mit weißer und roter Kreide aufzuzeichnen. Gewissermaßen old school also, was hier keinesfalls despektierlich gemeint ist. Viel mehr brachte es eine gewisse Entschleunigung in der Wissensvermittlung mit sich. Was bei der nicht unkomplizierten Thematik kaum von Nachteil war (nachzulesen auf: http://www.berndsenf.de/pdf/DieProblematikDesZinssystems.pdf).

Wo keine Guthaben sind, für die man Zinsen erhält, gibt es oft Kredite, für die Zinsen berechnet werden. Das alles ist kein Problem, solange die Rückzahlung erfolgen kann. Was aber, wenn nicht? Dann schnappt die Schuldenfalle zu. Denn was haben wir oben gelernt? Der Zinseszins wächst exponentiell. Und die Geldgeber machen es sich meist einfach. Sie nehmen dem Schuldner erst alle Ersparnisse, dann selbst Haus und Hof. Der hat doch selbst schuld, das sagt ja schon der Begriff. Bernd Senf findet Gefallen an solchen Wortspielen. Selbstzweck sind sie nicht. Bei Bank denkt man doch auch an Bankrott. Heute mehr denn je. Der Internationale Währungsfonds IWF erklärt ein Drittel der europäischen Banken für nicht überlebensfähig, das stand im Herbst in der „WELT“.

Anders ist es, wenn sich der Staat verschuldet, denn da bürgt ja der Bürger, der Staatsbürger. Er zahlt die offene Rechnung: höhere Steuern, Kürzung der Sozialleistungen, Privatisierung der Altersvorsorge – wir kennen das Instrumentarium. Nur reicht oft selbst das alles nicht. Es wird laut Prof. Senf gefährlich, wenn nicht mehr ausreichend Sozialprodukt erwirtschaftet werden kann, um die Zinslast ab- bzw. wenigstens zu ertragen. Und die Staatsverschuldung ist weltweit enorm. Zitiert sei hier noch einmal das Manager Magazin: „Bei 140 Billionen Dollar liegen die Verbindlichkeiten inzwischen, mehr als das Doppelte des globalen Sozialprodukts, hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kalkuliert.

Wer mal über sein bescheidenes Privatkonto hinaus denkt, dessen Guthaben durch Nullzinspolitik und ansteigende Inflation bald immer weniger wert sein wird, dürfte es nicht für unwahrscheinlich halten, dass dieses Finanzsystem kollabieren kann. Nicht nur die Länder der sogenannten dritten Welt sitzen im Schuldenturm fest, auch in vielen Schwellenländern kriselt es. Und das einst so stolze Griechenland kann nur noch als schlechtes Beispiel dienen. Selbst die sich als Globalplayer verstehende Europäische Union ist wirtschaftlich auf Treibsand gebaut. Weltwirtschaftskrise, Finanz- und Bankenkrise – Nur der Exportweltmeister Deutschland erzielt noch Überschüsse. Selbst das könnte sich ändern, wenn die Globalisierung stagniert.

Prof. Bernd Senf erwähnte in seinem Vortrag unter anderem den Begriff „Wachstumszwang“. Blicken wir noch einmal nach Davos. Der Weltwirtschaftsgipfel liefert das Beispiel. Bei Spiegel online steht unter dem Aktenvermerk „Angeklagt: Die Globalisierung“ u.a. diese Passage: „Vor drei Jahren hingegen lag die Zahl der globalen Wachstumsoptimisten noch um ganze 15 Prozentpunkte höher. Heute ist mit 53 Prozent die Zahl jener am weitaus größten, die ein gleichbleibendes Wachstum erwarten. Solche Stagnation passt eigentlich nicht zur Davos-Erzählung, wonach Welt und Wirtschaft durch ewige Dynamik und Innovation vorangebracht werden.“

Der Glaube an eine alleinseligmachende Globalisierung ist keine feste Burg mehr. „Laut einer Umfrage unter knapp 1400 Top-Managern weltweit, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Start in Davos veröffentlicht, finden 44 Prozent der Befragten, dass die Globalisierung überhaupt nicht bei der Armutsbekämpfung geholfen hat. Mehr als jeder Dritte bezweifelt, dass die weltweite Vernetzung mehr Steuergerechtigkeit gebracht hat, gut jeder Vierte hält sie für nutzlos beim Klima- und Ressourcenschutz.“

Nun, für eine Kolumne wünscht man sich eigentlich einen optimistischen Schluss. Doch die Ausführungen von Prof. Senf lassen einen solchen kaum zu. Da ist die von der Gesellschaft kaum zu kontrollierende Allmacht der Banken, da ist die Art und Weise der Geldschöpfung, da ist vor allem das Fehlen von Alternativen zu diesem mängelbehafteten Finanzsystem. Und wer hätte gedacht, dass bei einem Vortrag über das globale Finanzsystem mit Bezug auf die Einführung des Euro das Herrhausen-Attentat im November 1989 zur Sprache kommen würde? Oder dass die globale Leitwährung Dollar etwas mit dem Irak-Krieg (2003) und dem Krieg gegen Libyen (2011) zu tun haben könnte ?

Auch wenn die Kreide auf den grünen Tafeln staubte: Diese rund drei Stunden mit Prof. Bernd Senf waren alles andere als ein trockener Vortrag. Und wie einst zu Schulzeiten sollte man den behandelten Stoff nun zuhause noch aufbereiten.

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