Allzu ist viel ungesund und weniger manchmal mehr

Als man Winston Churchill (1874 – 1965) einmal fragte, ob er, weil so sehr viel über die Schädlichkeit des Rauchen zu lesen sei, nicht auch damit aufhören wolle,...

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Als man Winston Churchill (1874 – 1965) einmal fragte, ob er, weil so sehr viel über die Schädlichkeit des Rauchen zu lesen sei, nicht auch damit aufhören wolle, antwortete der seine dicken Zigarren liebende Politiker: „Eher höre ich mit dem Lesen auf.“ Das ist eine der vielen Anekdoten über den britischen Premier, wobei niemand weiß, was daran wahr und was erfunden ist. Das ist jedoch nicht die einzige Ähnlichkeit mit der aktuellen und akuten Corona-Krise.

Auch diese wird mehr und mehr zu einem Overkill durch Informationen. Mit dem Resultat: Der Bürger hört nicht mehr hin und schaltet ab oder um. Allzu viel ist ungesund und weniger manchmal mehr. Ob nun Tagesschau und Tagesthemen, Heute und Heute Journal, ob Brennpunkte oder Sondersendungen – es gibt anscheinend kein anderes Thema mehr. Um dieses über inzwischen Monate hin immer wieder aufs Neue bedienen zu können, werden mediale Klimmzüge unternommen.

Wen wundert’s da, dass bereits in den ersten Wochen der Pandemie die hier genannten öffentlich-rechtlichen Formate dem Virus mehr Sendezeit eingeräumt haben, als der gesamten Berichterstattung über Vogelgrippe, Ebola und den Tag des Terrors 9/11. Ausgezählt hat das eine Analysefirma aus der Schweiz. Und nein, das hat nichts mit alternativen Medien zu tun, denn Media Tenor ist ein respektables Unternehmen. Man darf deshalb dessen Gründer Roland Schatz ruhig beipflichten: „Hier sind erkennbar die Proportionen verrutscht.“ So zitiert am 13. März im Morning Briefing von Gabor Steingart. (Ein sehr zu empfehlender Podcast!)

Weil dieser Herr Schatz selbst Journalist und Medienforscher ist, hier noch ein Satz von ihm für das Stammbuch der berichtenden Zunft: „Wir erleben gerade, dass intensive Berichterstattung dazu führt, dass nur noch dieses eine Thema gesehen werden kann. Der perfekte Nährboden für Self-Fullfilling Prophecies. Vergessen wir also für die nächsten Wochen nicht, dass es auch noch andere Themen gibt.“ (Mehr dazu ist bei kressnews ) Dann bleiben uns vielleicht so dümmliche Schlagzeilen wie diese vom 27. März erspart: „Homeoffice wird zu Todesfällen führen“ (FAZ) und „Frauen, schlagt Kapital aus der Krise“ (WELT)

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen? Wir wollen nur hoffen, dass es nicht so weit kommt. Aber „Laut Kanzleramtschef steht Deutschland das Schlimmste noch bevor“ (WELT Panorama am 5. April). Der Überbringer dieser schlechten Botschaft war diesmal also Helge Braun. Vielleicht geht es in Berlin reihum, der Buhmann zu sein.

Oder es soll Jens Spahn aus der Schusslinie genommen werden. Ihm hängen noch seine zwischen Lug und Trug liegenden Aussagen an: „Für übertriebene Sorge gibt es keinen Grund (Ende Januar) bzw. „Wir haben das Corona-Virus vom ersten Tage an sehr ernst genommen“ (Anfang März). Bei dem als Gesundheitsminister praktizierenden Politikwissenschaftler weiß man sowieso nicht so recht, was da läuft: Gestern war er Kanzlerkandidat, jetzt gibt er den Krisenmanager; vielleicht ist er aber auch der Sündenbock von morgen.

Zugegeben, dieser Mann hat es nicht leicht. Doch auch dafür wird er bezahlt. Die ihm zur Seite gestellten Experten aus dem Gesundheitswesen machen nur bedingt eine bessere Figur und sind nicht einmal verlässliche Stichwortgeber. In den TV-Sendungen werden die Zuschauer mit Zahlen und Fakten überschüttet. Als wollte man darin die wirklich wichtigen Dinge verstecken. Eine sachliche Einordnung blieb zu oft aus. Wie auch kritische Nachfragen der Journalisten.

Zumal man auf dem Bildschirm in den mit dem Coronavirus infizierten Talkshows immer die gleichen Gesichter sieht. Das Robert-Koch-Institut bemüht sich, den heiligen Gral zu finden. Aber eher nach der Methode trail and error, d.h. Versuch und Irrtum. Wie bei diesem verspäteten Aprilscherz: „Plötzlich ändert das Robert-Koch-Institut seine Einschätzung zum Mundschutz“ (WELT, 2. April). Nun, beim RKI handelt es sich um eine Einrichtung der Bundesregierung. Dessen Unabhängigkeit von der Politik darf folglich bezweifelt werden.   

Ist Deutschland so arm dran an namhaften Virologen und Epidemiologen? Ist es nicht, doch andere mit teils beachtlicher Reputation kommen im Fernsehen nicht vor. Was tun? Sie meldeten sich auf diversen YouTube-Kanälen zu Wort. Damit aber werden sie oft zum Abschuss freigegeben. Laut der Sendung „Monitor“ vom WDR ist das alles nur ein „Netzwerk der Verharmloser und Verschwörer“. Doch so war es auch beim Atomausstieg 2011 und bei der Flüchtlingskrise 2015. Vieles, was bereits damals die Kritiker anmerkten, erwies sich später als nur zu berechtigt.

Eine Vielfalt der Meinungen zulassen? Nein, die Politik und ihre Medien setzen auf die Einfalt der Bürger. Wie meinte mal ein deutscher Innenminister: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Das folgende Zitat ist nicht bös‘ gemeint: „Die Mehrheit der gewöhnlichen Bevölkerung versteht nicht was wirklich geschieht. Und sie versteht noch nicht einmal, dass sie es nicht versteht.“ So Prof. Dr. Noam Chomsky, ein linker Intellektueller aus den USA.

Dabei wäre bei solchen Massenerkrankungen eine gesunde Skepsis angebracht. Das Virus ist neu, wir wissen nicht viel darüber. Umso wichtiger wäre es zu erklären, worauf drastische Maßnahmen wie z.B. die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote beruhen. Wird bald sogar der Mundschutz zum symbolischen Maulkorb?  Inzwischen machen sich viele Leute große Sorgen, ob das alles mit dem Grundgesetz konform geht. Oder ob es irgendein Probelauf für ein ganz anderes Szenario ist. Vielleicht für einen Obrigkeits- und Überwachungsstaat? Selbst Hans-Jürger Papier, einst Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, sieht diese Gefahr (WELT, 29. März). Und der Bundestag? Zu hören ist von den Abgeordneten nichts. Bereits still und leise entmachtet?

Weil wir am Wochenende das Osterfest feiern, also ein Hochfest der christlichen Kirche, sei auch das noch angemerkt:  Mit Hans Michael Heinig warnt der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor der Gefahr, „dass sich unser Gemeinwesen von einem demokratischen Rechtsstaat in kürzester Frist in einen faschistoid-hysterischen Hygienestaat“ verwandelt (WELT am Sonntag, 29. März).

Kurz gesagt: Die Kaufhallen haben auf, die Kirchen bleiben zu. Selbst wer es nicht so mit der Religion hält, dürfte letzteres bedauern. Statt Predigten von Hoffnung und Auferstehung ein wortloses Dahindämmern. Dabei sollten doch gerade jetzt die (Alarm)Glocken geläutet werden.

Hans-Georg Prause

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