Schmierfinken und andere Schändlichkeiten

Der lokalen „Sächsischen Zeitung“ war es nur eine kurze Meldung wert, dass am Wochenende zu nächtlicher Stunde das Schaufenster eines „Parteibüros“ in Bautzen auf der Karl-Marx-Straße mit schwarzer...

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Der lokalen „Sächsischen Zeitung“ war es nur eine kurze Meldung wert, dass am Wochenende zu nächtlicher Stunde das Schaufenster eines „Parteibüros“ in Bautzen auf der Karl-Marx-Straße mit schwarzer Farbe beschmiert wurde. Dass es sich dabei um das der AfD handelte, blieb unerwähnt. In der Redaktion dachte man vielleicht: Bloß nichts beschreien! Denn wenn man vom Teufel spricht, ist er oft nicht weit. Also dreimal bekreuzigt und hoffen, dass am Sonntag nicht zu viele Bautzener unter diesem Kürzel ihrerseits drei Kreuze machen. Nur tun das eventuell nach solchen Vorfällen auch Leute, die einen derart pubertären Wahlk(r)ampf einfach nicht für normal halten.

Obwohl es das leider ist, nämlich „normal“. Und oft ist es sehr viel schlimmer. Im folgenden Fall handelt es sich um keinen provinziellen Streit vor einer Kommunalwahl wie in Bautzen. „Keine andere Partei ist im Europawahlkampf in Berlin so sehr von Vandalismus betroffen wie die AfD“, resümiert WELT online. Von „Zerstörungswut“ wird berichtet. Und diese hat vor allem ein Ziel: „Insgesamt zählte die Berliner Polizei bis zum vergangenen Donnerstag 1006 beschädigte oder entwendete Wahlplakate.“ Allein der AfD wohlgemerkt. Im Detail sieht es so aus: „Nach der AfD sind mit großem Abstand die Wahlplakate von CDU (27), Linke (23) und NPD (23) am häufigsten das Ziel von Sachbeschädigungen. Die SPD war 15-mal betroffen, Grüne und FDP jeweils achtmal.“

Dagegen gehen wir in Bautzen fast schon nett miteinander um. Die AfD verzichtete trotz der Verunzierung ihres Schaufensters mit dem Schriftzug „Fuck Nazis“ auf das bei anderen sonst übliche Mimimi und versuchte es gar nicht erst mit der Opferrolle. Denn zu viele sind ja heutzutage gern irgendwie Opfer. Und mit dem Fensterputz ließ man sich auch Zeit. Vielleicht war das alles von den Tätern als „Schaufenster der Schande“ gedacht, doch das mit dem Denken ist manchmal Glücksache. Wer eine gute Kinderstube hatte, kennt den Spruch von den Narrenhänden … Diese Aktion der Schmieranten könnte ungewollt eine bessere Parteiwerbung sein als das, was dort sonst im Schaufenster gezeigt wird. Oder was – das ist aber eine parteiübergreifend gültige Feststellung – die inhaltlich meist platten Wahlplakate zu bieten haben.

Während solche Aktionen ein gewisses Maß an Öffentlichkeit finden, bleibt man in den sozialen Netzwerken eher unter sich. Das hat den Vorteil, auf wenig Widerworte zu stoßen. Man bestätigt sich gegenseitig, wie toll man doch ist. Ein virtuelles Schulterklopfen. Es verführt allerdings auch dazu, unfreiwillig zu zeigen, wessen Geistes Kind man oder frau wirklich ist. Einige Beispiele gefällig?

Da suchte unlängst die Polizei nach einem gestohlenen Auto mit dem Kennzeichen BZ – AH 8888. Leicht zu merken, aber sehr verdächtig. Denn manch einer vermutet darin eine geheime Codierung!  Jens Bitzka, Vorsitzender des Kreisverbandes Bautzen der Grünen, schrieb bei Twitter: „Ich dachte Kennzeichen mit Nazi Bezug werden von den Zulassungsstellen nicht vergeben.“ Ein Versehen? Oder Absicht? Das fragt Bitzka in seinem Tweet. Er spart nicht mit Hashtags: #Landkreis, #Bautzen und auch #fail, was auf gut Deutsch für Versagen steht. Das ist schon ein arg linkes Ding. Zur Erklärung für Leser, die nichts mit obskurer Symbolik von Buchstaben und Zahlen am Aluhut haben: Bei dem ominösen Autokennzeichen würde demnach AH für Adolf Hitler stehen und die 8 für das H (wie Hitler!) – als achter Buchstabe im Alphabet. Ist das nicht lustig? Oder ist es einfach nur albern?

Ebenfalls bei Twitter amüsierte sich Steffen Grundmann, Vorsitzender der Fraktion Die Linke und wieder Kandidat für den Bautzener Stadtrat, über diese Zahlenspielerei. Und darüber, dass ausgerechnet einem gewissen Ahmad Hussain aus Aleppo in Syrien das gestohlene Auto mit dem verschwörerischen Kennzeichen gehört: „Wenn das der Führer wüsste!“ Nun, wer wird schon Worte auf die Goldwaage legen. Ist doch ironisch gemeint, na klar. Schluss mit lustig ist jedoch, wenn Grundmann außerdem schreibt: „Bitte nicht anzünden!“ Etwa, weil das Auto einem Ahmad gehört? Bei einem Achim, Andreas oder Anton wäre das mit dem Anzünden wohl okay? Ein Zwinker-Smiley ist kein Freibrief für solche hoffentlich nur missverständlichen Äußerungen.

Andere Streiter gegen alles, was nicht links und also rechts ist, kommen ganz ohne Ironie aus. So musste sich jüngst Tobias Schilling, Vorsitzender der Bautzener CDU, eine fast schon bösartige Anmerkung von Birgit Kieschnick vom Stadtfamilienrat gefallen lassen. Während sich der Kandidat für den Stadtrat öffentlich dazu bekannte, dass man auch mit Menschen zusammenarbeiten kann, deren Meinung man nicht teilt, stellte sie die Frage: „Bekämpft man ein Krebsgeschwür, wenn man es integriert und füttert? Wäre bekämpfen und entfernen nicht besser für die Überlebenschancen?“ Diese Wortwahl ist einfach schändlich und es sei angemerkt, was jeder wissen sollte: „Nationalsozialisten haben die Metapher der tödlichen Krankheit Krebs bewusst benutzt, um angebliche ‚Volksfeinde‘, allen voran Juden und Homosexuelle, zu diskriminieren.“ Das schreibt z.B. der Kölner Publizist Markus Weber. Frau Kieschnick sei dessen Beitrag „Nazis missbrauchten Krebsmetapher“ empfohlen. Wie sie es sich vorstellt, in Bautzen dieses „Krebsgeschwür“ zu „entfernen“, das hinterfragen wir hier besser gar nicht erst.

Und wer sich jetzt fragt, ob es denn nichts über Annalena Schmidt gibt, was nicht schon in der Zeitung stand oder im Fernsehen gezeigt wurde, für den gibt es hier ein von ihr bestimmt auch nur ironisch gemeintes Twitter-Zitat: „Das ZDF hat mir ein Video für den Wahlkampf produziert.“ Die Stadtrat-Bewerberin hatte unlängst einen ihrer hinlänglich bekannten TV-Auftritte im Mittagsmagazin. Nicht gerade Prime Time. Aber vom „mima“ des Zweiten erwartet ja keiner wirklich was Neues. Von @schmanle  auch nicht.

Obwohl, da gab es kürzlich doch etwas: Diese Grüne ohne Parteibuch versuchte sich in Bautzen zur Abwechslung mal als Gastronomie-Kritikerin – Stichwort „Black Cat“. Soll nicht wirklich gut gelaufen sein, wie zu hören und zu lesen war. Doch das wäre schon wieder eine ganz andere Geschichte.

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