Nicht den Teufel an die Wand malen

Um Himmels willen! Was schreibt denn Christoph Kästner da? Für eine Rubrik der lokalen „Sächsischen Zeitung“, so was wie ein Wort zum Sonntag, wählte der evangelische Pfarrer aus...

2068
2068

Um Himmels willen! Was schreibt denn Christoph Kästner da? Für eine Rubrik der lokalen „Sächsischen Zeitung“, so was wie ein Wort zum Sonntag, wählte der evangelische Pfarrer aus Großpostwitz bei Bautzen die Schlagzeile „Fast wie die Pest“. Dabei ging es um Corona, um was sonst. Nun ist die Kirche dafür bekannt, seit jeher virtuos auf der Klaviatur menschlicher Gefühle jede Tonart zwischen Höllenangst und Heilsversprechen anschlagen zu können. Ebenso muss man aber wissen, dass ein Text mehr sein kann (und sollte), als so eine knappe, etwas irritierende Überschrift auf den ersten Blick vermuten lässt. Was so selbstverständlich leider nicht mehr ist. Zu oft geben allein die medialen Schlagzeilen den Takt an. Und damit gleich die gewünschte Lesart vor.

Pfarrer Kästner weiß selbstverständlich, dass das Covid-19-Virus nichts mit dem Bakterium Yersinia pestis zu tun hat. Und dass wir auch nicht mehr im Mittelalter leben; ausgenommen ist hier die Vielzahl der diese Epoche verklärenden Buchbestseller und Fernsehserien. Er schreibt zwar, was mit uns heute passiert, sei vergleichbar mit der Pest. Doch eben nur „fast“ … Vergleichen kann man ja alles, selbst Äpfel mit Birnen, da wird eine geläufige Redewendung oft missverstanden. Aber da gibt es bei Pest und Corona schon Ähnlichkeiten, wie übrigens mit jeder anderen Pandemie auch.

Was wusste man im 14. Jahrhundert von der Pest, als der Schwarze Tod in Europa die Sense schwang? Für viele war das Teufelswerk. Was wissen wir heute (und was noch nicht) über die weltweit auftretende Corona-Infektion? Beides macht(e) den Menschen große Angst. Nur dass wir heutzutage etwas aufgeklärter reagieren sollten. Aller Panikmache zum Trotz. Die moderne Medizin kann vielleicht keine Wunder bewirken. Aber alle Pessimisten sollten sich nicht nur die Corona-Todeszahlen ansehen, sondern auch die um sehr viel größere Anzahl der geheilten Patienten.

Dass die Krankenhäuser darauf vorbereitet sind, schwere Fälle von Erkrankungen zu behandeln, ist bekannt. Es gibt ausreichend Plätze selbst für eine intensive Behandlung. Stattdessen wird jetzt geklagt, es fehle an medizinischem Fachpersonal. Nur kommt das nicht aus heiterem Himmel. Wäre in den vergangenen Jahren am Gesundheitswesen nicht so maßlos gespart worden, wäre uns diese hausgemachte Misere erspart geblieben.

Was nichts daran ändert, dass wir alle jederzeit sterben können. An Corona jedoch kaum. Da lügen die Zahlen nicht. (Was wiederum ein Satz ist, den man in Zeiten von Desinformation und Manipulation vielleicht gar nicht schreiben sollte.) Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, selbst wenn es nicht gerade die öffentlich-rechtlichen Nachrichten bestimmt: Eine Corona-Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO belegt, dass diese Krankheit in deutlich weniger Fällen tödlich verläuft, als bislang angenommen. Kein Grund also, den Teufel an die Wand zu malen. Die Menschheit wird nicht gleich zugrunde gehen. Zumindest nicht daran.

Ein Professor der Stanford Universität, John Ioannidis, hat dafür 61 Studien aus der ganzen Welt ausgewertet. Letztlich kamen die Forscher auf eine durchschnittliche Covid-19-Sterblichkeit von 0,23 Prozent. Der „Focus“ macht seinem einstigen Werbespruch alle Ehre und geht ins Detail: „So betrug die Sterberate in Gruppen mit Personen ausschließlich unter 70 Jahren nur 0,05 Prozent. Wo weniger als 118 Todesfälle pro eine Million Einwohner (entspricht dem weltweiten Durchschnitt) auftraten, lag die Sterblichkeit bei 0,09 Prozent, in Regionen mit mehr als 500 Covid-19-Toten pro eine Million Einwohner bei 0,57 Prozent.“

Und das alles wohlgemerkt trotz überall enorm steigender Infektionsraten! Die hierzulande als das Nonplusultra bei der Pandemie-Eindämmung angesehen werden. Weshalb man gern den Teufel des Kontrollverlustes an die Wand malt. Infiziert ist zwar nicht krank, doch was soll’s. Am liebsten würden die Politiker trotzdem ein allgemeines Vermummungsgebot ausrufen, wieder alles dicht machen, möglichst jeden einsperren und alle sozialen Kontakte unterbinden. Bei nur rund einem Prozent infizierten oder erkrankten Menschen trifft das zu 99,9 Prozent die Falschen. Sind das jedoch, um auf den Vergleich mit der Pest zurückzukommen, nicht fast noch mittelalterliche Methoden?

Das sei alles nur Polemik? Das wäre stark übertrieben? Warten wir es ab. Denn nachdem sich die Einzelkontakt-Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter als eine personell und logistisch kaum zu bewältigende Aufgabe erwiesen hat und die Labore mit Arbeit überlastet sind – es wurde und wird ja auch auf Teufel komm raus jeder und alles getestet –, die Corona-Warn-App ein Flop war und ist, ja selbst der Corona-infizierte Gesundheitsminister nicht weiß, wo er sich angesteckt haben könnte, wird an einem neuen großen Ding gebastelt: dem Infektionscluster. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wurde das als „Strategiewechsel“ wie folgt beschrieben:

„Zuerst soll ermittelt werden, ob bei einem Infizierten in den zurückliegenden Tagen möglicherweise ein Ereignis vorgelegen hat, das zu einer Ausbreitung des Virus unter vielen Menschen geführt haben könnte … Danach gilt es, die entsprechenden Personen zu ermitteln und zu benachrichtigen, damit diese sofort in eine Vorsorgequarantäne gehen – ohne Test. Erst einige Tage später soll diese Quarantäne nach einem PCR-Virentest und einem negativ-Ergebnis aufgehoben werden können.“

Das alles muss man sich mal in der Praxis vorstellen. Eine Isolierung nur auf einen bloßen Verdacht hin! Mit der vagen Aussicht darauf, irgendwann getestet zu werden. Also mit dem, was nach geltendem Recht und Gesetz möglich ist, ist das nicht zu machen. Dann würden hoffentlich auch jene auf die Straße gehen, die derzeit noch hinter den Corona-Maßnahmen der Politik stehen. Das sind inzwischen übrigens nicht mehr so viele, wie hier und da behauptet wird.

Beim MOMA, dem Morgenmagazin der ARD, wurden am Dienstag folgende, auf einer Umfrage von Infratest dimap beruhende Zahlen genannt: Für 51 Prozent der Bundesbürger sind die bisherigen Corona-Maßnahmen „ausreichend“, 15 Prozent halten bereits diese für „überzogen“. Zwei Drittel der Bundesbürger dürften also neue Einschränkungen mehr als nur skeptisch sehen. 32 Prozent der Befragten gehen dagegen die derzeitigen Maßnahmen „nicht weit genug“. Der einstige große Rückhalt in der Bevölkerung ist jedoch dahin.

Zumal dieser „Strategiewechsel“ noch ganz andere Varianten eines Ausnahmezustandes kennt. Strenge Kurzzeit-Lockdowns zum Beispiel. Das beinhaltet eine totale Abschottung über eine Woche und länger. Es ist, als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Auch soziale Isolierung und wirtschaftliche Not machen krank. Doch egal, welchen Namen das Kind tragen wird, ist es die Zwangsgeburt einer Ehe von Ratlosigkeit und Aktionismus. Auch dem letzten Gutgläubigen dürfte jetzt klar werden, warum sich das Gesundheitsministerium unbedingt dauerhafte Sonderrechte sichern will.

Selbst einige Abgeordnete des Bundestages kritisierten kürzlich die fehlende Mitsprache des Parlamentes bei den Corona-Maßnahmen. Sehr spät, vielleicht zu spät. Im Grundgesetz ist nachzulesen, wer Koch und wer Kellner in einer Demokratie ist. Doch in Berlin sind schon lange die Rollen vertauscht. Wer braucht denn Gesetze, wenn es sich mit Notverordnungen und Selbstermächtigungen ungestört und ungeniert regieren lässt. „Demokratie ist, wenn sich Wölfe und Schafe am Tag darüber unterhalten, was es am Abend zum Essen gibt.“ (Thomas Jefferson, 3. Präsident der USA, 1743-1826).

Es fällt nicht leicht, dem eingangs in dieser Kolumne zitierten Großpostwitzer Pfarrer Kästner beizupflichten, wenn er meint, das ständige „Schuldige suchen“ werde unser Miteinander zerstören. Dann schon eher, wenn er ein „soziales Miteinander“ predigt: „Halte Verbindung zu deinen Nächsten.“ Und auch deshalb wird es am 5. November in Bautzen erneut einen Schweigemarsch gegen die Corona-Verordnungen geben. Treffpunkt ist um 17 Uhr der Hauptmarkt.

In this article