Über unser aller Sterblichkeit

Wer „Farbe bekennen“ will, kann ganz schön blass aussehen. So wie Angela Merkel jüngst bei einem Interview in der ARD. Es ging um Corona, was sonst. Am Tag...

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Wer „Farbe bekennen“ will, kann ganz schön blass aussehen. So wie Angela Merkel jüngst bei einem Interview in der ARD. Es ging um Corona, was sonst. Am Tag nach dem sogenannten Impf-Gipfel war der mediale Katzenjammer nämlich groß. Dieser PR-Berg gebar nur ein Mäuschen, also nicht mal eine Maus. Vielleicht fühlte sich Thomas Vitzthum von WELT online („Banal, unterkomplex, dürftig“ ) deshalb an die „Sendung mit der Maus“ erinnert, die ja ebenfalls „im Ersten“ läuft. Das sei aber, wie er ironisch anmerkte, keine Kritik an der Maus und ihrem Freund Elefant. In einer Kindersendung sind einfache Erklärungen durchaus angebracht.

Von einer Bundeskanzlerin muss man mehr erwarten. Aber da kam wenig bis nichts. Wer es nicht glaubt: Sehen Sie selbst! Damit ist nun öffentlich-rechtlich zu belegen, warum laut einer Umfrage des Demoskopie-Institutes Allensbach der Rückhalt für den politischen Kurs, der durch die Pandemie führen soll, deutlich schwindet (FAZ vom 27. Januar). Im Corona-Frühjahr 2020 waren rund 75 Prozent der Befragten mit den Anti-Corona-Maßnahmen zufrieden. Aktuell sind es nur noch 49 Prozent. Auch Infratest Dimap verweist auf die niedrigsten Werte seit elf Monaten.

Warum wohl? Frau Merkel meinte trotzdem (oder trotzig), es sei im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen. Dabei soll sie selbst nur wenige Tage vor diesem ARD-Termin intern eingestanden haben: „Uns ist das Ding entglitten.“

Kaum zu glauben, dass so ein desaströser Offenbarungseid aus einer Videokonferenz mit CDU-Funktionären rein zufällig bekannt wurde. Es dürfte eher jemand diesen politischen Bankrott gezielt an BILD durchgestochen haben. Andererseits sind solche Bekenntnisse (des doch Offensichtlichen) stets gut dafür geeignet, etwas noch Peinlicheres zu verbergen. Nun darf spekuliert werden.

Denn es wird von Tag zu Tag komplizierter, den Leuten zu erklären, warum sie ohne Aussicht auf Besserung mit den rigiden Einschränkungen ihres Alltags leben sollen. Zumal immer öfter neue, mit Vermutungen und Behauptungen fettgefütterte Corona-Sauen durchs mediale Dorf getrieben werden, die bald darauf an der bis dahin ignorierten Faktenlage elendig krepieren.

Da wäre beispielsweise das versprochene große Impfen; das scheiterte bereits an der Impfstoffbeschaffung. Oder diese neuen Mutationen des Virus. Da weiß keiner genau, ob sie ansteckender oder gefährlicher oder nur einfach anders sind. Ihre Verbreitung in Deutschland bewegt sich, so ein ntv-Beitrag, „im einstelligen Prozentbereich“

Mit den Neuinfektionen (keine Erkrankungen!), den Inzidenzwerten u.a. Fallzahlen wird ebenso eher willkürlich jongliert. Alles nur, um die Menschen nicht aufatmen zu lassen. Und das unter ihren FFP2-Masken https://www.bautzenerbote.de/rasieren-gegen-viren-obs-aber-hilft/, an deren Nutzen nun sogar die EU-Gesundheitsbehörde ECDC zweifelt. Prädikat: „Im Alltag wenig sinnvoll“.  

Oder nehmen wir die Übersterblichkeit. Die erstaunlich schnell ermittelten Zahlen für den Monat Dezember und die Hochrechnung für das gesamte vorige Jahr lieferten mal wieder beängstigende Totschlagzeilen. Und das ohne jede Erklärung und Einordnung der Zahlen und Fakten. Urplötzlich war davon aber kaum noch etwas in den die Meinung machenden Medien zu finden. Tagesschau und Tagesthemen der ARD, deren Pendants im ZDF, das bunte Allerlei der Talkshows  – durchweg Fehlanzeige.

Wo waren denn die Faktenchecker von „Correctiv“, wenn man sie mal braucht?  (Nur eine rhetorische Frage und ironisch gemeint.) Denn immerhin:  Am 29. Januar war bei SPIEGEL online zu lesen: „Keine deutliche Übersterblichkeit in Deutschland“. Als eine Quelle wurde das Statistische Bundesamt genannt. Tags darauf empfahl bei WELT online Professor Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Robert Koch-Institut, „die Daten besser zu lesen“. Er gehört einer Forschungsgruppe von Statistikern an, die über den populistischen Tellerrand hinaus sehen und Zahlen der Jahre 2016 bis 2020 im Blick haben.

In Deutschland leben immer mehr ältere Menschen. Selbst wenn die Lebenserwartung ein wenig steigt, wird also ganz normal die Zahl der Todesfälle ständig zunehmen. Das wurde auch für 2020 erwartet. Eine Prognose des Statistischen Bundesamtes ging von ein bis zwei Prozent mehr aus. Gestorben wird ja nicht nur an oder mit Corona. Durch diese Pandemie ist das nun häufiger geschehen. Doch Statistiker beziehen den sogenannten Alterseffekt in ihre Betrachtungen mit ein.

Diese Bundesbehörde verweist deshalb ganz unspektakulär darauf, dass es verfrüht ist, die Frage nach einer Übersterblichkeit für das Jahr 2020 wissenschaftlich fundiert zu beantworten. Man warte auf die endgültigen Zahlen der Bevölkerungsstatistik, also zum Beispiel die Sterbefälle des Jahres 2020 sortiert nach Altersjahren. Diese würden erst Mitte 2021 vorliegen. So zu lesen bei SPIEGEL online.

Warum also diese Panikmache mit der Übersterblichkeit? Ist das Schüren von Ängsten ein Mittel zum Zweck? Soll eine der Hü-und-Hot-Lockdowns müde Bevölkerung so psychisch diszipliniert werden? Dabei geht es nicht nur um die Übersterblich. Im WELT-Gespräch ließ Professor Kauermann von der Uni München seinem Frust freien Lauf und holte zum Rundumschlag aus: „Für uns ist es erschreckend zu sehen, dass die Datenqualität in Deutschland noch immer eine einzige Katastrophe ist.“

Er verweist auf die Infektionskurve unter alten Menschen, die trotz Lockdowns „nach oben schoss“. Das sei aber nur ersichtlich geworden, weil Statistiker die Daten des RKI neu aufbereitet hätten. Trotzdem hat es die Politik bislang nicht geschafft, u.a. die Bewohner von Pflege- und Altenheimen wirksam zu schützen. Denn 89 Prozent (!) der Corona-Opfer waren 70 Jahre und älter, davon 46,8 Prozent sogar über 80 Jahre; unter 49 Jahre alt waren es bescheidene 0,8 Prozent.

„Die Natur hat uns zwei Ohren, aber nur einen Mund gegeben.“ Sagte der britische Staatsmann Benjamin Disraeli  (1804-1881). Dieser Satz gehört ins Stammbuch aller Politiker und Journalisten, Wissenschaftler und „Experten“. Erst die Ohren aufsperren und zuhören, bevor man etwas lauthals ausposaunt. Sonst wird, frei nach Goethe, die Kunde zwar gehört, allein es fehlt daran der Glaube.

Wenn es dafür noch eines Beleges bedarf: Dem Meinungsbarometer für Mitteldeutschland von Ende Januar zufolge ist die „Stimmung so schlecht wie nie“ und das „Vertrauen in die Politik auf dem Tiefpunkt“.

Selbst dem Vizekanzler Olaf Scholz von der SPD soll ja diese Woche im Corona-Kabinett der Kragen geplatzt sein. Es sei „richtig scheiße gelaufen“.  So bringt man’s auf den Punkt.

Hans-Georg Prause

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